Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 3 (März 1936)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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fassung, jener Auffassung, daß nicht alles erklärt, und daß vieles nur gefühlt und empfunden werden könne, und daß das Wesen der Wissenschaft nicht allein darin bestehe, das als richtig anzusehen, was als Begriff mit der Vernunft erfaßt, was gemessen, gezählt und gewogen werden könne. Zunächst machten sich diese Strömungen wohl auf rein religiösem Gebiete, insbesondere in der Kirche geltend, aber auch die Philosophie wandte ihnen ihre Aufmerksamkeit zu, und schließlich fanden sie ihren Widerhall in allen sonstigen Betätigungen des geistigen Lebens. Und als dann der Weltkrieg zu Ende ging, als sich dann bei Tausenden und Abertausenden, nicht nur der Gebildeten, die Frage erhob, warum all dies?, warum diese ungeheuren Blutopfer, da mußte auch in den großen Massen sich die Idee durchbrechen, daß das Materielle allein nicht die Grundlage eines echten Menschenlebens bilden könne, daß Schicksalsmächte, denen wir uns in Ehrfurcht zu beugen haben, die wir aber niemals erklären können, über uns walten, und daß das Zeitalter des Materialismus einer neuen Epoche weichen müsse* Die Mehrheit der Juden Deutschlands hat hierfür kein Verständnis gezeigt. Eineinhalb Jahrhunderte des Rationalismus und Materialismus haben im Bürgertum, dem das Judentum im wesentlichen angehörte, jene geistige Grundlage geschaffen, für die die richtige Bezeichnung die des Bildungsphilisters geworden ist, und der Philister läßt eben am wenigsten von seinen Auffassungen ab. So sei' es zu seines Vaters Zeiten gewesen, so solle es auch zu seines Sohnes Zeiten sein, es läge ja gar kein Grund vor, sich anderen Auffassungen hinzugeben. Doppelt schwer wirkte sich dieser Zustand aus, wenn dieser Rationalismus mit einer Jahrhunderte hindurch gezüchteten spirituellen Geistesrichtung zusammenfällt und wenn die Verbindung mit der Erde dabei verlorengegangen ist. Dann entsteht eine Bevölkerungsgruppe, welche man mit Fug und Recht als eine rein städtische mit Asphaltkultur bezeichnen kann. Selbstverständlich finden sich auch in dieser Gruppe höchst wertvolle Elemente, nicht nur auf dem Boden der reinen abstrakten Wissenschaft, nicht nur in der Literatur, sondern auch im praktischen und Wirtschaftsleben; aber die geistige Grundlage ist in dem Augenblick, in dem andere geistige Mächte sich mit Erfolg geltend machen, erschüttert, sie ist brüchig geworden und vermag keinen Halt mehr zu geben. Das jüdische Volk war schon einmal in einer Lage, die geschichtlich betrachtet als parallel zur heutigen Zeit, insbesondere soweit die Juden in Deutschland in Frage kommen, gelten kann. Der Tempel war zerstört, die Opfer konnten nicht mehr dargebracht werden. Damit schien zunächst die Auffassung der damaligen Theologie, daß ohne Opferkult ein Fortbestehen des Volkes nicht möglich* sei, zu dem Ergebnis zu führen, daß es endgültig mit Israel aus sei. Es war das große Verdienst eines Jochanan ben Sackaj, hier Wandel geschaffen zu haben, indem er den Opferkult nicht als eine Notwendigkeit erklärte. Zweifellos fanden sich starke Ansätze für diese Auffassung schon in der Schriftprophethie, bereits bei dem ersten Propheten, nämlich bei Arnos; endgültig durchgeführt hat sie aber erst ben Sackaj. Eineinhalb Jahrhunderte lang hat das gesamte Judentum, zum mindesten in Amerika und Westeuropa, unter den beherrschenden Einflüssen des Liberalismus sowohl in wirtschaftlicher wie auch in kultureller Hinsicht gestanden. Gehen jetzt mit der Grundlage des Liberalismus auch seine Auswirkungen mehr oder minder in Trümmer, so würde an sich die Gefahr bestehen, daß auch das Judentum in schwerste Bedrängnis gerät. Aber auch diese Gefahr wird vorübergehen, nicht etwa in der Annahme eines irgendwie berechtigten Optimismus, sondern weil auch bei uns bereits die Voraussetzungen gegeben sind, daß, wenn auch unter großen Opfern, all das, was man das Irrationelle 68