Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 7 (November 1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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unmöglich, dieses Problem auch nur einigermaßen ausführlich zu behandeln. Aber soviel muß* zumindest auch hier angedeutet werden: Die neuhebräische Literatur der Gegenwart — die heute keinen Vergleich mit anderen modernen Literaturen zu scheuen braucht, weil sie auf palästinensischem Boden erwachsen, bereits originell ist in Ton, Farbe und Klang — verdankt Bialik zwei große Momente ihres heutigen Wesens: ein äußeres Moment: in der Flexibilität der Sprache und ein inneres Moment in der ausgesprochenen „Naturnote", die unsere gegenwärtige Literatur so kennzeichnet. Ich weiß nicht, ob es Wahrheit ist, daß wir Juden a priori keinen Sinn für die Natur haben. Mir will es scheinen, daß das antike Judentum in der „Natur" keinen Selbstzweck erblicken konnte. Das Judentum sieht in der Natur vielmehr den Ausdruck schöpferischer Allmacht eines über der Welt stehenden Gottes, (Uebrigens wäre es in keinem Fall eine Frage des kulturellen Niveaus des Judentums, Das französische Volk hat wirklich keinen Sinn für die Natur — der Franzose sieht die Natur lediglich unter dem Prisma der Kunst — und es würde niemanden einfallen, an der Kultiviertheit dieses Volkes zu zweifeln!) Wie es aber dem auch sei — in der Galuth ist uns jeder Sinn für die Natur verloren gegangen. Unsere neuhebräische Literatur spiegelt diesen Zustand auch wieder. Das jüdische Leben der Galuth war naturfern und hyperintelektualisiert — und die Literatur stellte eine Anhäufung geistiger Probleme dar. Von „Natur" war weit und breit nichts zu sehen. Da kam Bialik — und alles änderte sich mit einem Schlage, Schon als Kind ein „Musar" (Sonderling), ein Liebhaber der Natur, später beeinflußt von der idyllischen Naturnote russischen Schriftstellers — entdeckte er uns wieder Sonne und Mond, Nacht und Sterne, Berge und Täler, Ebenen und Wiesen, das Feld und den Acker, den Pflug und die Sense, das Gras und die Blume. Die neuhebräische Literatur der Gegenwart ist von einer neuromantischen Richtung beherrscht und zum Teil in Reaktion gegen Bialik entstanden. Trotzdem sind die Vertreter dieser Richtung auf allen Gebieten seine Schüler; denn er hat die hebräische Sprache zu diesem Niveau hinaufentwickelt und er war es auch, der sie fähig machte, dem reichen „Naturinhalt" künstlerischen Ausdruck zu verleihen IL Auf die Frage, was denn Bialik eigentlich in seiner Gesamtpersönlichkeit darstellt, antworteten .einmal David Frischmann und Nahum Sokolow. Frischmann sagte: ein Künstler, Sokolow sagte: ein Genie, Und mir scheint, Sokolow hatte Recht! Wenn es wahr ist, daß das Wesen eines Genies nicht so sehr in dem „Was \ sondern in dem „Wie" seiner Schöpfung liegt, dann war Bialik das große jüdische Genie des letzten Jahrhunderts, Und das „Wie" seiner Genialität bestand in der eigenartigen Synthese, die er zwischen Poesie und Prosa, Idealismus und Realismus, Traum und Wirklichkeit, Phantasie und Tagtäglichkeit, kurz Agadah und Halachah einging. Bei Bialik gab es das Problem zweier Welten nicht. In ihm ergänzten sich beide und vereinigten sich zu einer höheren Harmonie. Poesie war für ihn ein zum Gesang gesteigerter Alltag, und die Prosa eine von Musik vibrierende Wirklichkeit. „Agadah" war Mythos, aber „Halachah" auch nichts anderes als die in architektonischen Formen eingefangene Welt dieser „Agadah". Bei ihm setzte sich die eine Welt in der anderen fort. Es war ein Verhältnis von Unter- und Ueberbau und als Gesamtmosaik abgerundet durch die ewige Ideedes Judentums, In einem seiner Gedichte sagte er es, daß er „weder Prophet noch Dichter sei, nur ein Holzhacker". Darin liegt das ganze Ge- 186