Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 7 (November 1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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herausarbeitet, liegen nicht immer auf der Hand, die Periodisierungen ergeben sich nicht immer organisch, doch kritisieren wir nicht Einzelheiten, sondern anerkennen den großen Wurf, der unserer Generation mit umfassender Gründlichkeit, tiefer hinreißender Erzählungskunst, plastischer Gestaltungsgabe geschenkt wurde. Doch ist die Darstellung oh zu weltlich, zuviel „Weltgeschichte und zu wenig Geistes- und Glaubensgeschichte. Nicht daß wir altmodischer Zunzianer wären, nur gerecht wollen wir sein, III. Meine Absicht, das Lebenswerk Simon Dubnows nach allen Seiten zu erfassen, wird durchkreuzt durch die vielen Anforderungen des Tages. Bleiben wir also bei der Historiographie, die er um ein wesentliches Stück aus der Enge gehoben hat, aber in eine Weite, die sich zu sehr entfernt hat von der religiösen Idee in ihrer nationalen und universellen Bedeutung. Auch er anerkennt, daß jüdische Geschichte „eine vergeistigte Geschichte" ist, doch zieht er keine weiteren Schlüsse daraus, da er sich ja in Abwehr befindet gegen diejenigen, die zu weite Schlüsse daraus gezogen haben, um seiner Auffassung Platz zu geben, daß unser Volk nicht nur denken und dulden, sondern auch leben und leiten will. Und es ist dabei, seinen Platz im Leben wieder zu erobern. Da dürften die Worte von Israel R a b i n nicht nur belehrende, sondern auch mahnende Wirkung haben: „Dubnow vertritt den Gedanken des Volkes, die Volksidee. So schuf er eine Geschichte der Juden. Den großartigen Bau seines GeschicKtswerkes trägt der Gedanke der Erhaltung des Volkskörpers. Wir erkennen die jeweiligen Gesetze des jüdischen Seins, nicht aber die Gesetze der immerwährenden Erneuerung, des jüdischen Werdens. In seinem Geschichtswerk lebt, stärker als bei seinen Vorgängern, die Volkssubstanz, aber nicht die Volksseele in all ihren tragenden Kräften. Graetz mißversteht vielfach das einigende Band, das Generationen und Gemeinschaften der Juden in Zeit und Raum verknüpft. Dubnow schaltet es fast völlig aus. So löst seine Geschichte, bei aller wahren Erfassung irdischer Kämpfe im weltlichen Leben nicht die Rätsel des jüdischen Lebens, das sich nur dann ersdiließt, wenn der Wille zu Gott als die leuchtende Kraft der Zentralidee des Judentums erkannt wird." (Stoff und Idee in der jüdischen Geschichtsschreibung, Dubnow-Festschrift S. 55.) Geschichte ist das Universalste, was wir Juden haben, aber wir dürfen nicht undankbar sein gegen die Kräfte, die uns erhalten haben und uns ermöglichten, das Universum und das Mikrokosmische unseres Lebens aufrechtzuerhalten durch die Zeiten der zehn Bände. Denn äußeres Geschehen spielt sich bei uns nicht als logische Folgeerscheinungsserie ab, sondern als Ausdruck eines oft unfaßbaren Gedankens, der, wolle es Gott, sich in geschichtsgerechter Erfüllung in Erez Israel in versöhnlicherer Form uns offenbart. Das lehrt uns die jüdische Geschichte. Und auch der Meister, dessen Werk wir feiern, lehrt uns dies. In seinem geschichtsphilosophischen Versuch „Die Jüdische Geschichte" stellt er diese Frage, was uns die jüdische Geschichte lehrt. Und er beantwortet sie aus seiner damaligen geistigen Betrachtungsweise heraus, die dem Erhaltungswunder des Judentums mehr metaphysisches Verständnis entgegenbrachte als die politischer aufgefaßte, realistische Darstellung der ^Weltgeschichte". Hier nicht Welt-, sondern Geistesgeschichte, Träger einer Ueberzeugung, nicht nur eines geschehenen und geschehenden Schicksals. „Die jüdische Geschichte flößt uns vor allem die Ueberzeugung ein, daß die Judenheit zu allen Zeiten (selbst in der Periode der politischen Selbständigkeit) vornehmlich eine geistige Nation war und auch noch ist. Ferner gibt sie uns den Glauben, daß die Judenheit als ein geistiges Individuum nicht untergehen kann: der Körper, die Form kann zugrunde gehen, der Geist aber ist unsterblich . . . Dieses 184