Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1935-11-01 · Heft 7 (November 1935) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 7 (November 1935)
Date
1935-11-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2827066-3186711-3186717--1111-3187178
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nach Dubnow gibt es auch für die äußere Gestaltung unser Mitwirken und das ist neu. „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" — eine vielleicht ungewöhnliche Bezeichnung, die jedoch dem Inhalt und dem Umfang dieses ungewöhnlichen Teiles der Menschheitsgeschichte vollauf entspricht/' So beginnt der Meister sein Werk, hören wir ihn weiten „Von „Weltgeschichte" spricht man sonst im Zusammenhang mit der allgemeinen Geschichte der Kulturvölker in der ganzen Welt, zum Unterschiede von der Geschichte einzelner Länder und Völker. Indessen haben sich die Geschicke des jüdischen Volkes so gestaltet, daß es selbst seine eigene Weltgeschichte im buchstäblichen Sinne des Wortes besitzt. . . . Das Judentum stellt in der Tat einen geschichtlichen Mikrokosmos dar, und mit gutem Recht darf man daher von einer Weltgeschichte des jüdischen Volkes reden." Das würde allerdings noch nicht ausreichen, aber die weltzugewandte Begründung zeigt uns, in welcher Richtung wir die Wirkungsabsicht seines Werkes zu suchen haben. Er schreitet von der geistigliterargeschichtlichen Grundlegung der Geschichte weiter zu „einer umfassenderen, rein wissenschaftlichen Auffassung der jüdischen Geschichte, die man als die soziologische bezeichnen kann. Und aus der politischen Arbeit des Meisters im Dienste des jüdischen Autonomismus, die ihn auch noch 1927 an der Züricher Konferenz für die jüdischen Minderheitsrechte mit einem Referat über „den Kampf für jüdische Rechte einst und jetzt" als Schrittmacher der kulturellen Autonomie sah, leitet er als historische These ab, daß ^diese stets lebensfähige Nation immer und überall für ihr autonomes Dasein sowohl in ihrer sozialen Lebenssphäre als auch auf allen anderen Gebieten des Kulturschaffens kämpfte4'. Die Nation ist Subjekt ihres Lebens, ist Subjekt ihrer Gestaltung und ihrer Hoffnung. Zionist war Dubnow nicht, als konsequenter Nationalist ist er es geworden in Verfolg seiner Theorie von dem wandernden Hegemoniezentrum, das den Schwerpunkt der Geschichte bestimmt. Und heute, am Ende seiner Darstellung, hat das Hegemoniezentrum Westeuropa die Führung verloren, es ist schwach geworden und verlagert sich dorthin, von wo es zu Beginn der Geschichte ausging, nach Palästina, für uns das Heilige Land. Dubnow läßt die Frage noch einigermaßen offen: „Nach den zwei großen Perioden der jüdischen Weltgeschichte, der orientalischen und der westlichen, eröffnet sich für die Zukunft die Möglichkeit, wenn nicht einer gänzlichen Hinwendung zum Orient, in Gestalt des auferstandenen Palästinas, so doch die einer Rivalität in Bezug auf die nationale Hegemonie zwischen Ost und West, zwischen Palästina und der europäischamerikanischen Diaspora." So schrieb er 1925. Heute sieht er wie wir und erlebt es mit einem trotz der harten Begleiterscheinungen beglückenden Gefühl, daß sich das Hegemoniezentrum nach Palästina, nach dem alten, dem ältesten Zentrum zurückneigt, daß die „Weitgeschichte" des jüdischen Volkes als säkularisierte Geschichte dort neuen Sinn erhält, wo sie zurückfindet zu einer verbindenden Heimat, die mehr will als „nationale kulturelle Autonomie, die auf drei Grundforderungen beruht: Selbstverwaltung der Gemeinde, Freiheit der Sprache und Autonomie der Schulen", sondern wo alle die geistigen Urkräfte wieder mitbauen müssen, damit die „geistige Nation" als deren höchsten Typus Dubnow unser Volk nach wie vor faßt, das bleiben kann, als was sie in die Geschichte eingetreten ist: als Volk der Sendung, als Volk der Propheten, als Volk der Umkehr, was es nur als Volk der Propheten sein kann. Bestimmt steht Dubnow dem übertriebenen Säkularismus seiner Darstellung der alten Geschichte heute ablehnend gegenüber. Denn um zu vermeiden, heilige Geschichte zu schreiben, braucht die Darstellung auch nicht besonders unheilig zu sein. Die Kräfte, die er 183

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.