Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 7 (November 1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Langeweile einer gelehrten Untersuchung mit Absicht aufgeprägt, weil sie zum guten Ton der akademischen Zunft gehört und von vielen mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und tiefsinniger Gelehrsamkeit identifiziert wird ... Die Geschichte eines Volkes ist keine Schulwissenschaft, wie Botanik oder Mathematik, sondern eine lebendige Wissenschaft, eine magistra vitae, die das Volk unmittelbar zur Selbsterkenntnis führt und in einem gewissen Grade auch auf den Nationalcharakter wirkt. Die Geschichte ist eine Wissenschaft von dem Volke für das Volk, und darum gehört sie nicht in die dumpfe Gelehrtenstube, sondern auf das Forum. Wir erzählen dem ganzen Volke seine Vergangenheit und nicht bloß einem Dutzend Archäologen oder Numismatikern; wir arbeiten für das Ziel einer Selbsterkenntnis und nicht zu unserem eigenen geistigen Sport." Dies ist ein Programm, nach der geistigen, stilistischen und nach der pädagogischen Seite, denn alle drei haben ihren bestimmenden Platz in Dubnows Werk. Ein einzelnes Volk hat keine Weltgeschichte, könnte man gegen den Titel der zehnbändigen Geschichte einwenden. Und Ismar £ 1 b o g e n wendet es auch ein in seiner Besprechung von S. Dubnows Geschichtswerk (Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 1926, S. 145 ff.). Wir wollen aber diesen Titel zu rechtfertigen suchen. Nicht nur, daß die jüdische Geschichte ohne Zusammenhang mit der Weltgeschichte nicht verstanden und behandelt werden kann, sondern auch die Schicksale eines über den ganzen Erdball zerstreuten Volkes darstellt, gibt dem Titel immerhin eine erste Berechtigung. Einleuchtender ist allerdings der hebräische Titel „Toledoth am olam", hier ist Israel Volk der Welt, der ganzen Welt, und gleichzeitig ewiges Volk. Doch würde uns die letzte Deutung zurückführen in die Zeit, als Dubnow noch unter dem spiritualisierenden Einfluß von Graetz stand, während er doch in seiner „Welt"-geschichte sich von ihm fort, allerdings oft in seiner Linie fortfahrend, zu einem säkularisierenden Historiker entwickelt. Weltliche Kräfte sind es nun vielmehr, die ihm das Wesentliche an der Tektonik unserer Geschichte ausmachen, Kräfte der Politik und der Gesellschaftsordnung, Kräfte der Volksteile und deren Führung über das Ganze, wo eine gewisse Autonomie diese Hegemonie zuläßt. Weltgeschichte könnte ich mir allerdings eher aus der Graetzschen Vorstellung, etwa vertieft, aber nicht geschwächt durch politisierende Betrachtung, vorstellen. Daß andere Völker nur auf dem Sektor leben können, der der ihre ist, daß sie, wie es Rosenzweig in seinem „Stern der Erlösung" ausführt, verhaftet sind der Erde, auf der sie sitzen, um mit ihr unterzugehen. Sie besitzen einen Sektor der Erdkugel, den aber ganz bis zum Erdmittelpunkt. Wir aber „ließen das Land und retteten das Leben" (Rosenzweig), wir leben irdisch-säkular gesehen auf der Oberfläche, weil unser Lebenszweck ein geistiger ist, der aufrechterhalten werden konnte, auch als das Land verloren ging und in die Lehre transloziert werden mußte. So können wir doch eine Weltgeschichte haben, aber ich verstehe von mir aus diesen Begriff für uns rein theologisch-auftragsmäßig als sendungsartiges Schicksal eines Volkes, das eben nicht einen bestimmten Raum der Erdoberfläche einnimmt, um dort eudämonistisch zu leben — min denke an Hermann Cohens berühmtes Wort gegen die Zionisten, „Die Kerls wollen glücklich sein" — sondern man könnte sagen, daß wir ohne festen Sitz die Leviten der Völker sind, die ihnen Gott zu bringen hatten. Das hätte Dubnow vor dreißig Jahren als konsequenter Verfolger von Graetz etwa bewegen können; mittlerweile aber gelangte er zu einem weit entgeistigteren Begriff von der Grundlage unseres Geschehens und verweltlichte die Geschichte, als deren Subjekt er uns empfindet. Graetz hatte wie Zunz nichts dagegen einzuwenden, daß unser äußeres Geschehen ein objektives war, nach innen gab es geistige Freiheit, gab es Leben, das äußere war ja nur diktiert. 182