Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 7 (November 1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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diese Konkurrenten, wenn äuch nicht in der Fähigkeit, so doch in der Absicht, Dubnow stellt sich zu Graetz nicht in einen Gegensatz; im Gegenteil, er erliegt durchaus seinem Einfluß. Nationalist ist er, ob „Folkist" oder Zionist, kann damals noch nicht mit praktischem Erfolg unterschieden werden, aufklärerisch ist er wie jener und liebt den Rabbinismus nicht, hat aber mehr Verständnis für den jüdischen Osten als Graetz, wenn sich dieses Interesse auch zunächt auf die äußerliche politische Geschichte erstreckt, die Graetz mangels Quellen und mangels Kenntnissen ja doch nicht hätte tiefer erforschen können; geistig standen sie dem Osten beide eigentlich nicht sonderlich nahe. Nur war Dubnow aus dem geistigen Leben dort herausgewachsen, während Graetz ein Westler war, dem aber die noch westlicher Orientierten den Vorwurf nicht ersparen konnten, daß er als Nationalist mit Begeisterung nach Ostjuden suche und sie in seiner Behandlung in seidene Tüchlein einwickle. In den Briefen, die Zirndorf an Jost schrieb, wird Graetz der Vorwurf übertriebener Ostorientiertheit gemacht, während ihm Josef Meisl in seiner Studie über jüdische Geschichtsschreibung („Der Jude", Jg. VI, Heft 1) den Mangel an Kenntnis des Ostjudentums und die geringe psychologische Kenntnis der jüdischen Gefühlswelt arg zur Last legt. Gewiß, Dubnow wurzelte im Ostjudentum, aber mehr in einer aufklärerisch-geistigen Richtung, die sich gegen viele überkommene Einrichtungen energisch zur Wehr setzte, weshalb ihm die vom Westen schauende Einfühlungskraft Graetzens, so gering sie auch war, für seine Vorstellungen von der geistigen Erziehung der Ostjuden ausgereicht haben wird. Wie gesagt, er unterliegt dem Einfluß des im geistigen primierenden Systems von Graetz und faßt seine eigenen Gedanken über Geschichte und Geschichtsschreibung unseres Volkes in einer Schrift zusammen, die wir als programmatisch für seine jüngeren Jahre ansehen dürfen und die wir daher der Graetzschen Programmschrift „Zur Konstruktion der jüdischen Geschichte'* in ihrem biographischen Ort an die Seite stellen dürfen. Allerdings war die architektonische Leistung bei Graetz größer, weil neuer und erstmaliger, wenn auch das endliche Ergebnis nichts fundamental anderes brachte. Aber das mußte ja nicht sein, denn er wollte nichts Neues im Sinne dieses Wortes finden, sondern die Gliederung der Geschichte des Volkes geben, das durch geistige Werte, durch Bücher und Denker aufrechterhalten wurde und fortleben konnte bis zu dem Moment, von dem aus diese Betrachtung erfolgte, die natürlich dem staatsbürgerlich-religiösen Gedanken nicht fremd war, unter der etwa Leopold von Ranke Geschichte als Schicksal, das heißt als Geschick betrachtete. Dubnows Schrift „Was ist jüdische Geschichte?" setzt den Gedankengang Graetzens fort, nur versucht sie bereits, die einzelnen Epochen etwas anders zu periodisieren; das spätere Primat der politischen Betrachtungsweise schimmert schon leicht durch, doch im wesentlichen ist es noch Geistesgeschichte, die er hier betreibt. Periodisierung in großen Zügen ist gern Popularisierung der Geschichte, weil das Bestimmende der einzelnen Epochen in allgemeinverständlicher Form herausgearbeitet werden muß. Doch spricht sich Dubnow über diesen Punkt in der Einleitung zu seinen „Historischen Mitteilungen, Vorarbeiten zu einer Geschichte der polnisch-russischen Juden" grundlegend aus. „Die Popularisation der Geschichte soll ihrer streng wissenschaftlichen Bearbeitung keinerlei Abbruch tun. Nur muß man nicht mit dem Gedanken an ein wissenschaftliches Verfahren die Vorstellung von etwas Langweiligem verbinden. Ich war immer der Ueberzeugung und bin es auch jetzt, daß die Langeweile, die gewöhnlich als das Privilegium gelehrter Untersuchungen betrachtet wird, keineswegs ihr unerläßliches Attribut ist, vielmehr in den meisten Fällen nicht vom Gegenstand der Untersuchung; sondern vom Temperament des Forschers bedingt wird. Ja, oft wird der Stempel der 181