Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 7 (November 1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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fassende Darstellung der osteuropäischen Geschichte liegt in deutscher Sprache nicht von Das russische Original wurde von L Friedländer in einer dreibändigen Ausgabe in englischer Sprache unter dem Titel „History of the Jews in Russia and Poland from the earliest times until the present day" herausgegeben. Von vielen Quellenpublikationen eingeleitet, finden wir hier den Niederschlag seiner liebevollen Beschäftigung mit den Fragen, den Problemen und der Vergangenheit des Judentums seines russischen Herkunftslandes. Hier erschloß er Neuland, das auch in der Gesamtgeschichte als besonderes Spezialgebiet hervorsticht, das der Verfasser mit besonderer Liebe und mit besonders qualifizierter Berechtigung bearbeitet hat. II* Der Titel seines zehnbändigen Hauptwerkes „W eltgeschichte des jüdischen Volkes" darf uns, so lehrreich er ist, nicht irreführen. Die Titel der großen Geschichtswerke verraten uns schon viel über Einsicht und Absicht des Verfassers, erleichtern es, ihn einzugliedern iin das Gedankengut der Zeit, der er angehört. Wenn wir schon den Titel von Josts Geschichtswerk „Geschichte der Israeliten" hören, tritt vor uns der Historiker, dessen Ideal das des „Israeliten", des Staatsbürgers mosaischer Konfession in einer anderen Nation war. Jost hatte Israel als Volk aus den Augen verloren, mit Verlust seiner Staatlichkeit war es zu einer Gemeinschaft von Angehörigen der israelitischen Religion geworden, deren Erlebnisse und Vergangenheit er mit trockener, aufklärerisch-annalistischer Genauigkeit aufzeichnete. Wesentlich anders lagen die Dinge schon bei Heinrich Graetz, dem eigentlichen Meister jüdischer Geschichtsschreibung, der Kärrner und Darsteller war für die ganze Zeit, denn er litt an der Unerschlossenheit der Quellen, einem Mangel, der zu Beginn von Dubnows Werk zum großen Teil bereits behoben war. Seine „Geschichte der Juden" trägt den vielsagenden Titel, den ein Mann, der vom Nochbestehen der jüdischen Nation überzeugt ist, seinem Werke geben kann. Erstmals legte er eine Geschichte vor, in deren hinreißender Darstellung das dramatische Element der Tragödie, deren leidtragende Darsteller wir selber waren, ergreifenden Ausdruck fand. Den Begriff des noch immer bestehenden Volkes verliert Graetz nie aus den Augen, wenn er auch noch wesentlich von der Auffassung der Geistes- und Leidensgeschichte beeinflußt war und die ganze Geschichte, wie es die jüdische Wissenschaft im 19. Jahrhundert allgemein übte, in literargeschichtliche Perioden einteilte. Aber das große nationale Feuer verlagerte er richtig nach der geistigen Seite und durchzog seine Darstellung mit der Idee von der religiösen Aufgabe Israels, die unser Volk erhalten hat. „Gott, Volk und Lehre" setzt er in einen „magischen Rapport", so daß eines vom andern nicht mehr trennbar ist, sondern in einer spiritualistisch-ethischen Verkettung sein Werk durchzieht, wie er das Werden und Wandern Israels durchzieht, auch dort, wo der säkularisierende Historiker gern realere Mächte als Agentia annehmen möchte. — Eine Studie über Graetz (1892) führte Dubnow zu Betrachtungen über das Wesen der jüdischen Geschichtsschreibung überhaupt, und wir wissen, daß sein spezielles Interesse an jüdischer Historiographie und deren Erforschung bis zur Stunde nicht ermattet ist. Wie vielen vor ihm, war es auch sein Schmerz, daß bisher keine genügende Gesamtübersacht über die Entwicklung der jüdischen Geschichtsschreibung erschienen ist, die mehr als eine katalogisierende Kommentation gegeben hätte, die vielmehr in die Triebfedern und Stoffkräfte eingedrungen wäre, die einer solchen Gesamtschau zugrundsliegen müssen. Dubnow betrachtet Graetz, seinen Vorgänger, von dem er noch nicht wußte, daß er es einst sein werde, nicht so wie Graetz und Jost sich gegenseitig in ihren Werken komplimentierten. Schließlich waren 180