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Der jüdische Wille · 1935-11-01 · Heft 7 (November 1935) · page 10

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 7 (November 1935)
Date
1935-11-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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wurde, in der zum ersten Male in der Geschichte des Zionismus niemand sitzt, der als spezieller Vertreter dieses Teiles des jüdischen Volkes angesprochen werden kann. Die Frage, ob damit vielleicht zugleich persönlich Unrecht geschieht, hat keine, jedenfalls keine entscheidende Rolle gespielt. — Die Meinung, daß die „Schuld" hierfür nur bei den anderen Zionisten zu suchen sei, dürfte kaum richtig, jedenfalls aber praktisch nicht förderlich sein. Unverkennbar ist die Rolle des präceptor mundi, des Lehrers der zionistischen Welt, die großen Kreise des Zionismus in Deutschland bzw. ihre Führer zu spielen berufen zu sein glaubten (und vielleicht waren) unerwünscht. Die immer wiederkehrende Ablehnung deutsch-zionistischer Auffassungen als „Ideologie" oder „Philosophie" fand man bei allen Gruppen, ob sie nun rechts oder links von der Mehrheit der deutschen Zionisten standen. In der Tat hat sich die Methode, aus besonderem Geschehen eine allgemeine zionistische Katastrophentheorie herzuleiten und darauf Forderungen zu basieren, nicht als geeignet erwiesen, Verständnis und Sympathien zu .ernten. Es wird heute zu überlegen sein, ob das, was wir als unseren guten und nützlichen Beitrag für den Aufbau des Landes und des Volkes zu leisten haben, nicht besser geleistet wird, wenn wir gewisse Aenderungen in unserer Haltung vornehmen. Der Delegiertentag der deutschen Zionisten sollte sich mit dieser Frage in rückhaltloser Offenheit beschäftigen. III. Daß die Wahrnehmung zunächst eigener Interessen, die freilich die Zusammenfassung auch von Teilkräften voraussetzt, nicht die Zusammenarbeit im großen ausschließt, sondern sie vielleicht erst ermöglicht, zeigt das Zustandekommen der sogenannten großen Koalition. Unverkennbar ein ganz großer Erfolg und ein großes Ergebnis dieses Kongresses. Auch wer nicht auf der linken Seite des Luzerner Kunsthauses gesessen hat, muß seine größte Bewunderung der sachlichen und organisatorischen Leistung der Arbeiterschaft zuwenden. Hier ist — bei allen Differenzierungen — ein wirklich geschlossener und entschlossener Einsatz von Kräften vorhanden, dier nicht nur auf Wunschgebilden und zusammenhanglosen Einzelinteressen, sondern auf einer sehr realen Wirklichkeit basiert. Aus den Kreisen der Arbeiterschaft sind auch wirkliche neue Führer entstanden, Führer nicht nur ihrer Gruppen, sondern zu einem Teile Führer des jüdischen Volkes in Palästina. Die große Koalition, so gut sie hoffentlich auch ist, kann gleichwohl nur als ein Anfang gewertet werden. Als ein Anfang nämlich zur Einbeziehung aller wirklichen tragenden Kräfte des Aufbaus, die bisher wenigstens noch keineswegs vollständig durch die Kongreßparteien repräsentiert werden. Die Judenstaatspartei, dieser Erinnerungsposten in der Kongreßbuchhaltung, sollte in der Tat immer wieder daran erinnern, daß unsere Reihen nicht geschlossen sind. Vor allem aber vermißt «man die den Aufbau mittragenden Kräfte der Wirtschaft, der großen wie der mittleren Industrie, der Hitachduth Heikarim, auch des beweglichen Kapitals auf dem Kongreß. Rund u m den Kongreß findet man sie fast alle. Sitzungen allgemeiner und spezieller wirtschaftlicher Interessenten, der Banken und des Versicherungsgewerbes, von Vertretern der Pflanzer und des Orangenhandels u. s. f. u. s. f. gehörten in Luzern in diesen Wochen mit zum Bild des jüdischen Geschehens in dieser Stadt, wenn auch nicht, oder immer nur indirekt, zum Bild des Kongresses. So schweben manche Beschlüsse des Kongresses etwas im luftleeren Raum und man kann sich schwer vorstellen, wie sie ohne die Einbeziehung und Zustimmung der fehlenden Partner verwirklicht werden sollen. Die Beschlüsse mancher Kommissionen machen den Eindruck von Wunschzetteln und nicht den des Ergebnisses von Verhandlungen zwischen Partnern, die sich auf ein Kompro- 174

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