Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 7 (November 1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach dem Kongreß Von Bbr. Kurt Tuchler, I. Als wir 1921 zum 12. Kongreß nach Karlsbad fuhren, stand vor den Zionisten aller Länder die gemeinsame Aufgabe, die achtjährige kongreßlose Zeit zu überbrücken. Die jüdische Geschichte, insbesondere in ihrem Palästina zugewandten Teil war zwar seit dem letzten Vorkriegskongreß beachtlich weiter gegangen, aber um so mehr galt es, die Fortführung der Arbeit wieder in die geregelten Bahnen des Kongreßzionismus zu lenken und die selbständige Entwicklung, die einzelne Teile der Bewegung genommen hatten, wieder einheitlicher zu gestalten. Die Delegation, die nach einer Pause von vier Jahren diesmal aus Deutschland zum 19. Kongreß nach Luzern fuhr, stand vor einer, zwar nur für sie vorhandenen, aber doch vergleichsweise ähnlichen Aufgabe. Es galt, wieder Anschluß an den Weltzionismus zu gewinnen und an seine deutlichste Manifestation, den Kongreß. Ich hatte in den Wochen in Luzern oft das Empfinden, als ob diese uns gestellte Aufgabe schwieriger war als die allgemeinen Aufgaben 1921. Auch und gerade in diesen vier Jahren war die Entwicklung mit großen Schritten weiter gegangen und zwar unter stärkster Beteiligung von jüdischen Menschen aus Deutschland. Gleichwohl war das Verständnis für uns, die wir in einem Sonder erleben stehen, auf der anderen Seite kein sehr großes und sicherlich wurde auch unser Verständnis für die Auffassung großer Teile der zionistischen Welt als ebenfalls nur gering empfunden. Die Grundvorstellung, daß das, was dem jüdischen Aufbau Palästinas dient, zionistisch durchaus den Vorrang vor allen anderen Betrachtungen haben muß und daß damit der Kampf um die Gleichberechtigung heute wesentlich anders geartet sein muß, als der, den frühere Generationen z. B. in Deutschland geführt haben, diese Grundauffassung scheint nicht Allgemeingut der zionistischen Welt zu sein. Eine jüdische Zeitung, die in französischer Sprache erscheint, ging soweit, die Delegierten aus Deutschland als pleutres et grotesques representants zu bezeichnen und sie mit den Rabbins protestaires aus den Anfangszeiten des Zionismus zu vergleichen. In Anbetracht aller dieser Schwierigkeiten kann man nur feststellen, daß die Teilnahme der Delegation aus Deutschland, wenn auch nicht immer angenehm, so doch unbedingt notwendig und nützlich gewesen ist. Der Hauptzweck dieser Beteiligung am Kongreß, wieder Anschluß zu gewinnen an den Zionismus der Welt, ist m. E. erreicht. Wohl jeder, der mit Delegierten aus anderen Ländern gesprochen hat, konnte gegen Ende des Kongresses eine manchmal überraschende Stellung gegenüber den Vorstellungen, die zu Beginn des Kongresses angetroffen wurden, feststellen. Nur als ein Ausdruck dieses Verständnises kann der Beschluß, der den Transfer nicht nur aufrecht erhält, sondern ausdrücklich legalisiert, gewertet werden. II. Die Erfahrung dieses Kongresses sollte darüber hinaus vielleicht ein Anlaß sein, die Einstellung und das praktische politische Verhalten der Zionisten in Deutschland und auch der aus Deutschland nach Palästina in den letzten Jahren eingewanderten Juden neu zu überdenken und neu zu orientieren. Man kann nicht über das Mißverhältnis hinwegsehen, das darin Hegt, daß gerade auf dem Kongreß, der eine Arbeitsperiode mit stärkstem Einsatz von Juden aus Deutschland abschließt, der die günstigsten Ergebnisse der Fondsarbeit für die Juden aus Deutschland aufweist, .eine Leitung gewählt 173