Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 5-6 (Juli 1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Erst die bewußte Hinwendung zum Judentum, die in seine Bejahung ausmündete, und in der damals gerade vom Osten einströmenden Zionsliebe und später im Zionismus ihren alleinigen echten Ausdruck fand, fand auch den Mut zur Gleichschaltung der Lieder und ihres Inhalts mit dem jüdischen Gruppenwollen, und es scheint, daß die Worte, die Bbr. Heinrich Loewe vor 40 Jahren in der Einleitung zu seinem damals erschienenen „Liederbuch für jüdische Vereine0 (Berlin NW, Verlag Hugo Schildberger) schrieb, auf diese Vereine gemünzt waren, die im Titel zwar von jüdischer' Geschichte und Literatur kündeten, in ihrem Wollen aber nicht zur positiven Bejahung des jüdischen Schicksals und seiner politischen Gestaltung gelangt waren: „Das vorliegende Liederbuch ist für jüdische Vereine bestimmt, die nicht so sehr jüdische Wissenschaft wie jüdisches Leben pflegen wollen. Man irrt, wenn man glaubt, durch das Interesse an der Wissenschaft des jüdischen Volkes auch immer schon das Interesse an seinem Leben und Schicksal in der Gegenwart und Zukunft wecken zu können; vielmehr ist es der richtigere Weg, durch die Teilnahme am Leben und an den Kämpfen des Volkes, durch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft unserer Nation auch das Interesse an der jüdischen Wissenschaft hervorzurufen. . . . Das jüdische Liederbuch will nun keine wissenschaftliche Belehrung bieten, es will nur unterhalten, und wenn es irgend etwas lehren will, so könnte es nur der Gedanke sein, daß wir nicht nur in der Synagoge, nicht nur im Kampfe mit den Feinden unseres Volkstums, sondern im ganzen Leben, vor allem auch bei Jubel, Freude und Gesang Juden sein wollen: Juden sind wir, wollen es bleiben bis in alle Ewigkeit!" IV. Diesen für die damalige Zeit ungewöhnlichen Worten entsprach auch der ganz ungewöhnliche Inhalt« Das Liederbuch wollte in Form und Inhalt durchaus revolutionär sein, woraus sich allerdings die allergrößten Schwierigkeiten für die Textbeschaffung ergaben. Es gab keine jüdischen Liederbücher, es gab keine nationalen Lieder, und die jüdischen Volkslieder Osteuropas waren im Westen noch nicht bekanntgeworden. Die neuhebräische nationale Poe si e begann sich erst wieder zu entfalten, und die zur Nationalhymne gewordene Hatikwah von Naftali Herz Imber, die 1886 zuerst gedruckt erschien, war wohl damals gleichfalls noch nicht nach Deutschland gedrungen, wo auch die entsprechende rationale Bewegung erst in ihren Anfängen war. Aus dem Siddur, dem alten religiösen Liederschatz, war für national aktive Zwecke wenig zu entnehmen. Einzig das Chanukalied Moaus Zur konnte als national gelten, da es ja jüdischen Kampfeswillen und jüdischen Heroismus, wie er sich im Vorbild der Hasmonäer zeigte, besang. Dies war das einzige original hebräische Lied, das der Verfasser (im Siddur) als für seine Zwecke geeignet vorfand. Das zweite hebräische Lied war die von Dr. Baneth verfertigte Uebersetzung des in studentischen Kreisen sehr beliebten Gaudeamus igitur, das wohl für die damals entstehenden jüdischen studentischen Verbindungen sehr wichtig war. Aus dem Kreise der ersten jüdischen Studentenvereinigungen rührten auch einige Bundeslieder her, in denen der neue jüdische Geist dieser Jugend seinen Ausdruck gefunden hatte. So das Bundeslied der ersten nationaljüdischen Studentenverbindung, der 1882 von Nathan Birnbaum in Wien gegründeten Freien Akademischen Vereinigung „Kadimah", das von Dr. Max Bodenheimer in Köln verfaßte „Judas Heimatland", das 152