Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 5-6 (Juli 1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht politisch, eingestellt. Mit der gänzlichen Wandlung des westeuropäischen Juden durch die im Gefolge der Emanzipation kommende Assimilation veränderte sich auch sein Verhältnis zum jüdischen Lied, das ihm romantisch, sentimental erschien und nicht mehr seinem veränderten Wesen entsprach. Zudem waren innerhalb des westeuropäischen, speziell innerhalb des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert die zentrifugalen Kräfte sehr stark. Das einzige retardierende Moment kam aus dem religiösen Bezirk, der allerdings keinen größeren Umfang hatte. Die jüdischen Kirchenliederbücher jener Zeit atmen dann auch solch destillierten Geist, der niemanden befriedigte und von vornherein zur Unfruchtbarkeit verurteilt war. Von dorther, aus diesem zur reinen „Konfession" verdünnten blutleeren Judentum, hat die jüdische Jugend keine Anregungen zu erwarten. Die Lieder im Stile des konfessionellen Gesangbuches übten keine gemeinschaftsbildende Kraft aus, sie konnten der jüdischen Jugend, die zudem noch mit dem ungeheuren Erlebnis der Emanzipation befaßt und ihr zutiefst noch verhaftet war, nichts geben. II. Erst gegen Ende des 19, Jahrhunderts wuchsen infolge des wieder erstarkten Antisemitismus, wenn auch vorerst unbewußt, die zentripetalen! gesellschaftsbildenden Kräfte des Judentums, die sich auch in der Gründung eigener, nur aus Juden bestehender Vereine äußerten. Der Inhalt und das Ziel dieses neuen Strebens war aber nicht mehr das alte Ghetto, in dem die Religion alles beherrscht hatte, sondern den nationalen Freiheitsbewegungen der Umwelt entsprechend ein mehr verweltlichtes Judentum. Das allen diesen! jüdischen Gründungen1 unbewußt zugrunde liegende Moment mußte von ganz allein bei einer Bewußtwerdung der Situation zu einem positiven Umschwung, zur Entscheidung und zum Bekenntnis zum Judentum führen, das man sich aber infolge der aus der Emanzipation neu gewonnenen aktiven Kräfte und des durch den Antisemitismus geschaffenen! Selbstbewußtseinis nicht mehr als leidendes und wartendes, sondern als kämpfendes und wollendes Judentum vorstellte. Dieses geänderte jüdische, zum Aktiven drängende Bewußtsein der jüdischen Jugend mußte auch bald seinen äußersten Ausdruck^ in den Zielen und Formen der neu entstandenen jüdischen Vereine finden, sofern es sich hier nicht um im wahrsten Sinne des Wortes verhinderte Assimilanten, sondern um sich und das Judentum ernstnehmende und es bejahende Juden handelte. Man ersieht diesen Umschwung deutlich in der Tendenz der jüdischen Gruppen, die' sich ihr neu durch den Antisemitismus zum Bewußtsein gekommenes Judentum formten; dies äußerte sich auch in den Liedern und Gesängen, die in diesen Vereinen bei ihren Veranstaltungen gesungen wurden und ihr gesellschaftliches Wollen und ihre Gefühle für das Judentum zum Ausdruck brachten. III. Ein krasses Beispiel für den Geist in jüdischen Gruppen dieser Zeit, die sich sogar ihres Judentums bewußt waren, aber jüdischem nationalen Wollen kein Interesse entgegenbrachten, bieten die zum 5. bzw. 7. Stiftungsfest des Akademischen Vereins für jüdische Literatur und Geschichte zu Berlin 1888 bzw. 1891 gedruckt erschienenen Lieder, die kein Wort jüdischen Inhalts oder auf das Judentum bezüglich bringen. Wein und Liebe spielen selbstverständlich in den zum Teil ad hoc verfaßten Liedern eine Rolle. Das Judentum äußert sich nur in den Namen der Verfasser. 151