Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 5-6 (Juli 1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Vorkämpfer, Pioniere, ein Orden oder wollten es doch wenigstens der Idee nach sein. Es gibt aber weder neutrale Pioniere noch tolerante Vorkämpfer. Man soll also die KJV.-Tradition aus dem Spiel lassen, wenn man uns angreift. Und wenn man sie schon fälschlich heraufbeschwören will, dann soll man wenigstens nicht nur nach einer Seite schlagen. Gewiß, es gibt einige Bundesbrüder, die gegangen sind, weil sie vom Wesen des KJV, eine andere Vorstellung haben. Der treibende Kern der Austrittsbewegung aber war schon etwa ein halbes Jahr vor dem Kartelltag formiert, nämlich in der ZAG. (Zionistisch-Akademische Gesellschaft) unter Führung von Herrn Felix Danziger. Einer unserer ältesten Bundesbrüder hat damals einige Stunden darauf verwandt, ein Mitglied unseres jetzigen Präsidiums für diese Gruppe zu keilen. Wir wissen also Bescheid und können es verantworten, wenn wir sagen, daß ihre Initiatoren eine bestimmte politische Richtung verfolgten, nämlich etwa die eines arbeiterfeindlichen Herrenklubs. Und durch diese Gruppe, nicht durch uns, hat der Revisionistenbeschluß zu jener unerhörten Schärfe der Auseinandersetzung und im Anschluß daran nicht nur zu vereinzelten Austritten, sondern zu einer Austrittsbewegung geführt. Es war doch keineswegs selbstverständlich, daß siebzig Nichtrevisionisten gingen, weil vielleicht fünf Revisionisten ausgeschlossen wurden. Der treibende Faktor war in Wahrheit eben nicht eine andere Auffassung vom Wesen der Bundesbrüderlichkeit, sondern eine andere politische Auffassung. Gut, auch das hat seine Berechtigung, aber unberechtigt bleibt jene unsaubere Verschleierung des wahren Tatbestandes, mit der die führenden Herren dieser Gruppe sich als Engel präsentieren, denen Bösewichter ihre Schalmeien gestört haben. Und wenn man in Berlin gegen die Ausgetretenen gesagt hat, sie hätten ihre Position nicht preisgeben sollen, so beruht das auf einer Verkennung der Sachlage. Die wollten ihre Position gar nicht preisgeben; sie wollten das Kartell wirklich aufspalten und sich damit ihr Kartell schaffen. Dahin zielten sie doch noch nach dem Kartelltag, als sie später an fast alle KJV.er gedruckte Austrittsaufforderungen schickten. Auf die Idee, daß die ZAG. und ihre Führer noch etwas anderes wollten und wollen als die bundesbrüderliche Liebe innerhalb des KJV., ist offenbar in Berlin niemand gekommen. Waren wirklich alle Beteiligten so ganz unorientiert? Aber — so sagt man nun weiter — selbst der kämpferische Wille des Kartells hätte hinreichenden Ausdruck in einem Beschluß gefunden, der sich gegen diejenigen wendet, die sich der Organisation und ihren Fonds widersetzen. Und dann wäre es Sache eines Ehrenrates gewesen, von Fall zu Fall zu entscheiden, ob ein Ausschließungsgrund vorliegt. Offenbar wird ein Vorgehen dieser Art als „KJV.-Tradition" empfunden. Uns erscheint es als das Gegenteil, nämlich als die Wandlung selbstbewußten Kämpfertums zu einem Bonzentum, das sich mit Taktik um Entscheidungen drückt. Jeder Mensch weiß doch, auf wen ein solcher Beschluß zielt. Jeder Mensch weiß doch, daß der Revisionismus von seinen Leuten das verlangt, *was auch nach Meinung dieser Leute als Ausschließungsgrund betrachtet werden soll. Aber das Wort Revisionismus darf nicht ausgesprochen werden. Indem man es nicht ausspricht, wird offenbar die Neutralität gewahrt. Und das Theater wird noch weiter getrieben; ein Ehrenrat soll von Fall zu Fall entscheiden, gegen welche Organisation der revisionistische Bundesbruder nun also eigentlich verstößt. Das ist beinahe kränkender als der Ausschluß, und das Ganze ist eine unwürdige Farce. Uns scheint, daß keine Veranlassung besteht, Bundesbrüdern nachzutrauern, die auf Grund einer solchen taktischen 143