Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 5-6 (Juli 1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Es gibt Menschen, die im Revisionismus nichts anderes als eine Nuance im Rahmen unseres Systems sehen, als ein besonderes Instrument in einem an sich einheitlichen Orchester, das bei einigem guten Willen auf einen einheitlichen Grundton gestimmt werden könnte« Aber mit jedem Tag wird sich klarer herausstellen, daß der Revisionismus eine neue Welt heraufführt, zu der man ja oder nein sagen kann, die aber eine ganz grundsätzliche Entscheidung erfordert. Was zwischen Revisionismus und Organisation jetzt bei uns vorgeht, ist nur Abklatsch und Widerschein eines Kräftespiels, das überhaupt heute die politische Welt bewegt. Der Revisionismus kann sich der Disziplin der Organisation gar nicht fügen, ohne sich selbst aufzugeben. Er ist seiner Natur nach kein Partner, sondern ein Sieger oder ein Verlierer. Und es ist kein Zufall, daß die zionistische Welt in einem Augenblick, in dem die Judennot aktuell ist wie nie und in dem die wirtschaftlichen und politischen Aufbaufragen brennender sind als je, doch um kein Problem so intensiv kreist wie um das Problem, das der Revisionismus ihr stellt. Und damit sind wir auch schon bei der Frage nach dem Wesen des Kartells, Ali das sollte bei uns ohne den lebendigen Widerhall bleiben? Ein Teil der zionistischen Welt nimmt sich das Recht, als eigene Organisation mit eigener Außenpolitik und eigenen Fonds aufzutreten. Und er nimmt sich das Recht, diese Sonderwelt dadurch zu errichten, daß er die bestehende Organisation moralisch und faktisch mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln untergräbt. Mehr als das: auch seine geistigen Grundlagen sind neu in unserer Bewegung, sie sind weit von dem Erbe entfernt, auf dem wir unser Bekenntnis zum Zionismus, als wir uns bekannten, einmal gegründet hatten. Und da gilt es Euch als selbstverständlich, daß der entscheidende Streit, der durch die zionistische Welt — und nicht nur durch die zionistische — geht, in unseren Reihen mit der Ruhe des objektiven und neutralen Beobachters behandelt wird? Es sei, sagt Ihr, gegen die Tradition des KJV,, wenn dieser Kampf auch in unseren Reihen ausgefochten wird? Aber gegen die Tradition des KJV, ist die schlimme Herzenslauheit, ist der bourgeoise Altherrenstandpunkt, der nichts als seine Ruhe und dies in einer kämpferisch bewegten Welt will. Mit wieviel guter Leidenschaftlichkeit haben wir uns früher auf viel geringfügigere Fragen geworfen. Der Begriff der Bundesbrüderlichkeit hat uns nicht daran gehindert, im Gegenteil: er erwuchs aus diesen Kämpfen, die die Einheit der Gesinnung und erst mit ihr jene Bundesbrüderlichkeit schufen, die für uns niemals ein Begriff an sich war. Wo der Zionismus anfängt, pflegten wir zu sagen, da hört die Bundesbrüderlichkeit auf. Und unser Zionismus war immer ein sehr enger Begriff. Eng nicht im Sinne der innerzionistischen Parteizugehörigkeit, der gegenüber wir allerdings auch nicht großzügig waren, sondern die einfach keine Rolle für uns spielte. Eng vielmehr im Sinne der Konzeption des zionistischen Gedankens, Wenn schon der deutsche Zionismus eine Welt für sich war — dann erst recht der KJV.-Zionismus innerhalb der deutsch-zionistischen Welt. Und wir waren sehr eifersüchtig auf diesen „vertieften", außerhalb Deutschlands schon fast nicht mehr verständlichen Zionismus, dessen Ideologie in unseren eigenen Reihen geschaffen war. Es ist widersinnig, zu behaupten, daß die KJV.-Tradition in Neutralität und in Toleranz besteht; sie besteht in einem ganz eigenwilligen Kämpf ertum. Nur hatte — und das stiftet so viel Verwirrung — dieser Kampf in Deutschland einen anderen Gegner als ihn das Palästina-Kartell heute hat und haben kann. Die innerzionistischen Fragen standen doch kaum zur Debatte: man war ihnen gegenüber nicht tolerant, sondern uninteressiert, und das war auch natürlich. Sonst aber waren wir 142