Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 5-6 (Juli 1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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unserer Ueberlieferung. In ihr knüpft der Mensch an die Tradition an* Im jedem Wort steckt die Wucht eines Zitats, und die ganze tausendjährige Geschichte wird in ihm lebendig. Das Traditionsgut, Bibel und Gebet, sind der Ausdruck unserer Seele, und ihre Sprache ist darum die Sprache unserer Seele. Die Seele ist aber ursprünglich religiös gebunden, und ihr Ausdruck wurzelt im Sakralen. Wenn auch Religion nicht oder nur beschränkt lehrbar ist, gerade im Judentum ist durch die Sprache und durch den Gang zu den Quellen der Weg zur jüdischen Seele lehrbar. Darum wird sich durch planmäßige Gestaltung des Unterrichts im Land und in der Diaspora und durch die in Palästina im stärksten Maß aktivierte Wissenschaft des Judentums vielleicht der jüdische Mensch erziehen lassen, der in den gestaltenden Kräften der jüdischen Geschichte die wesentlichen Formkräfte des eigenen Lebens findet. Es gibt einen alten Satz. Er sagt: zwei Dinge sind für das Judentum wesentlich. Tauro im derech erez. Ich möchte diesen Satz, anders als S. R, Hirsch, deuten: Zwei Dinge sind für das Judentum wesentlich: Tauro, der jüdische Geist, das jüdische Leben, und derech erez, der Weg in das Land. Wir haben keine Zukunft ohne den Weg in das Land. Aber es wird kein jüdisches Land ohne jüdische Lehre geben. Zur Bildungssituation der jüdischen Jugend Von Dr. Paul Eppstein. II. Während in dem ersten Aufsatz (Heft 3) die Möglichkeiten und Grenzen einer Gemeinschaftsarbeit der jüdischen Jugendbünde auf dem Gebiet der Bildung erörtert wurden, soll im Folgenden auf den Inhalt der bündischen Bildungsarbeit eingegangen werden. Für die bündische Bildungsarbeit ist Bildung kein Wert mehr für sdch. Als Erziehungsmittel des Bundes ist aller Bildungsarbeit der jüdischen Bünde gemeinsam, daß individualistische Wertungen etwa des „gebildeten Menschen'\ aber auch das humanistische Bildungsideal der in sich ruhenden, um alle Daseinsformen wissenden Persönlichkeit ausgesprochenen Zweifeln begegnen oder in aller Deutlichkeit abgelehnt werden. Alle Formen der Pseudobildung werden aufs schärfste verneint, soweit sie neben dem Leben einhergehen, einen ästhetischen oder intellektualistischen Charakter haben. Daher wehrt sich die jüdische Jugend mit vollem Recht gegen den „Bildungsbetrieb", gegen Vereinsgetue, wo gesellige Motive des Zusammenkommens mit mehr oder minder gelegentlichen „geistigen" Veranstaltungen verdeckt oder modisch erweitert werden. Sie wehrt sich auch mit gutem Instinkt gegen den Nur- Akademiker, wenn er nicht von seinem Leben und von seiner jüdischen Verwirklichung her den inneren Zugang zu den Bünden findet. Wenn im pädagogischen Prozeß das Moment des persönlichen Vertrauens, der lebensmäßigen Anerkennung des Lehrenden entscheidend ist, so tritt im Bildungsziel das Persönliche hinter die Gemeinschaftsfunktion der Bildung zurück. 134