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Der jüdische Wille · 1935-07-01 · Heft 5-6 (Juli 1935) · page 9

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 5-6 (Juli 1935)
Date
1935-07-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Gegensätze sind noch stark und werden oft durch doktrinäre und intolerante Haltung verschärft* Die aus oft berechtigten Ansprüchen erwachsenden Konflikte zwischen Gesetz und Leben sind heute noch nicht überbrückbar, Sie werden grundsätzlich aber nur dadurch zu lösen sein, daß sich Leben, Arbeit und Gesinnung der Menschen durch Anknüpfung an die Elemente der Tradition und durch Eingliederung in die Kontinuität der jüdischen Geschichte und Geisteskräfte als jüdisch legitimieren. Das Gesetz erstarrte, weil an die Stelle des lebendigen Volkslebens das Leben der Begriffe trat. Im Volk und im Land kann die Tradition in kopernikanischer Wendung aus dem luftleeren und realistischen Raum der Begrifflichkeit herabsteigen und zu gestaltender Lebensform werden. Wird dies das heutige Gesetz sein können? Das Gesetz ist in seiner heutigen Form das Produkt von Ewigkeit und Zeitlichkeit. Wie die Jahrtausende und der Wandel von Schicksal und Gesinnungen ihre Spuren in das Gesetz eingegraben und es geformt haben, wird auch ein neues Leben die alten Impulse zu neuer Schöpferkraft befruchten. Das ist das religiöse Problem Palästinas. Die entscheidende Frage ist, ob es gelingen wird, nicht nur ein Land der politischen, sondern vor allem der seelischen Regeneration der Juden zu bauen. In der Galuth ist beim besten Willen nur ein fragmentarisches jüdisches Leben möglich. In Palästina wird ein ungebrochenes jüdisches Leben aber auch erst dann möglich sein, wenn Palästina wirklich Erez Israel und das Volk zu dem Volk geworden sein wird. Bis dahin behält die Galuth ihren Wert als religiöse Kraftquelle. VII. Das, was hier gesagt ist, umreißt das Problem. Es soll nicht „gelöst" werden. Lösen muß es die Geschichte. Es kann hier nur die Richtung angedeutet werden, in der die Lösung erfolgen muß, und der Weg, der zu ihr führt. Die geschichtliche Größe und die heroische Leistung des Aufbaus fordern den letzten Ernst. Das einzig zulässige Kriterium einer jüdischen ,.Kultur" der Zukunft ist die religiöse Forderung (wenn auch der Vulgärzionismus, wie Franz Rosenzweig ihn genannt hat, die Dringlichkeit dieser Auseinandersetzung nicht wird anerkennen wollen). Der Nationalismus hat das historische Interesse geweckt, Aber das Wissen um die Vergangenheit und selbst um eine ehrfürchtig geliebte Geschichte bedeutet noch nicht Weiterleben des Geistes, der diese Geschichte formt. „Der nationale Gedanke darf sich nicht mit dem respektvollen Distanzgefühl begnügen, mit dem jedes Volk den Toten der vergangenen Jahrhunderte Mausoleen und für deren Werke es Museen baut" (Max Wiener). Man kann Religion nicht machen. Sie muß wachsen. Darum kann man auch nicht zu ihr erziehen. Aber alle Impulse der Gläubigkeit, das Beten, Warten, die Erhebung und das Sichverlieren sind in die zionistische Arbeit eingegangen. Diese Gefühlswerte sind die mögliche Grundlage einer neuen Religiosität. Es besteht zwar die Möglichkeit, daß die legitimen religiösen Kräfte abgelenkt werden und Surrogate — „Volk" oder „Kultur" — an die Stelle der im eigentlichen Sinne religiösen Werte treten. Der Maßstab für die jüdische Legitimität der neuen religiösen Kräfte ist ihr Zusammenhang mit den Kräften, die sich durch ihre geschichtliche Bewährung als echte jüdische Religiosität rechtfertigen. Zudem kann der Aufbau an historischer Stätte, verbunden mit dem übermächtigen Eindruck dieser Natur, die Menschen zu dem Urgefühl hinführen, das unsere Vorfahren formte. Das wesentlichste Moment der Wiedergewinnung ist in der Erneuerung der Sprache und des Wissens um jüdische Tradition gegeben. Hebräisch ist nicht nur Verständigung/smittel. Es ist genau so wesentlich die Sprache 133

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