Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 5-6 (Juli 1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Bevölkerung bis zur zionistischen Einwanderung war streng religiös* In den alten Kolonien steht die Synagoge im Mittelpunkt der Siedlung. Erst die zionistische Einwanderung brachte, besonders von der 2. Alijah ab, die Ungläubigen. In den Kolonien dieser Älijah findet man keine Synagogen mehr. Dazu kommt, daß viele Einwanderer stark von sozialistischen Gedankengängen beeinflußt waren, die sie im Lande zu verwirklichen suchten. Die sozialistische Welt ist antireligiös. Die sozialistischen Parteien fanden ihren Weg, und da sie besonderen und entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung der Schulen nahmen, wurde auf diese Weise zum großen Teil der bedeutende erzieherische Wert der Tradition preisgegeben. Die Entfremdung von der Tradition kommt besonders in der Kwuzah zum Ausdruck. Sie ist im bewußten Gegensatz zur Familie als Gemeinschaftssiedlung gegründet worden und hat daher die Tendenz, die familiären Beziehungen zu lockern. Ein bedeutsamer Teil des religiösen Lebens spielt sich aber in der Familie ab, und viele religiöse Formen, der Freitagabend, die Sederfeier, haben die Intimität der Familie zur Voraussetzung. So ist die Kwuzah vom Standpunkt einer religiösen Erziehung in vieler Hinsicht negativ zu werten. Dazu kommt eine sich in allen Gesellschaftsschichten in stärkstem Maße zeigende Säkularisierung des Lebens. „Das Judentum tritt in Palästina vor allem als nationale Lebensform in Erscheinung. Man ist im jüdischen Land, unter jüdischen Menschen, und daher hat die Religion als Ausdruck für das Judentum keine Bedeutung. Man kann sozusagen ein guter Jude und dabei Atheist sein, weil in Palästina überall die nationalen Elemente an die Stelle der religiösen treten können, wo eine Manifestation nach außen oder ein Patriotismus nach innen notwendig ist. Der hebräischsprechende Jude fühlt sich auf natürliche Weise mit seinem Volk verbunden und glaubt, die Religion entbehren zu können. Die in der Diaspora gemeinschaftsbildende Kraft der Religion wird in Palästina überflüssig." Neben die Säkularisierung des Lebens tritt die Säkularisierung der Begriffe. Wie die Reform dazu neigte, das nationale Element im Judentum auszuschalten und die Begriffe zu theologisieren, so neigt das nationale Bewußtsein dazu, die theologische Bedeutung der jüdischen Begriffe, das jenseitige Element im Judentum auszuschalten. Die Feste bekommen) einen meuen säkularen Sinn, ihre religiöse Bedeutug tritt hinter die volkshistorische und landwirtschaftliche Bedeutung zurück. Der Schabbos ist zum Schabbat geworden, zum Ruhetag zwar, aber nur zum Ruhetag der Nerven und Muskeln. Er ist in den weitesten Kreisen nicht mehr der Tag der schöpferischen Pause, die himmlische Fermate im % Takt der Woche. V. Hier zeigt sich das Problem ganz deutlich. Sind wir ein Volk wie alle Völker und ist Nationalismus Judentum? Herzls: „Wir sind ein Volk, ein Volk" stimmt und stimmt doch nicht. Wir sind ein Volk sui generis, das Volk. Juristisch ist man Jude, wenn man als Kind jüdischer Eltern registriert ist. Jude sein als Geisteshaltung aber setzt die Bindung an unsere Kultur und Lebenswerte voraus. Während aber das Kulturleben eines Volkes sich in seiner wissenschaftlichen! sittlichen und künstlerischen Leistung als von säkularen Kräften getragen erweist, ist unsere Kultur und Geisteshaltung religiös zentriert. Im Judentum kreist alles um die Gottesfrage, Jüdisch leben heißt zutiefst in dem Bewußtsein leben, daß 131