Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 5-6 (Juli 1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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III, Während im Westen die Emanzipationsbestrebungen zur Negierung der nationalen Tendenzen des Judentums führten, erzeugte die Aufklärung im Osten eine andere Reaktion* Der kompakte Block der jüdischen Menschen konnte durch die im Osten Europas sehr geringfügigen Emanzipationsvorgänge nicht aufgeschmolzen werden. Die kompakte Masse täuschte volkhaftes Lebea vor, aber die Religion war erstarrt. Die Lebendigkeit der talmudischen Diskussion war zum haarspaltenden und realitätslosen Pilpul geworden und die wunderbare Mystik des Chassidismus zum Aberglauben entartet. Führte im Westen die Aufklärung primär zur politischen Emanzipation, so wurde sie im Osten der Anlaß einer seelischen Emanzipation. Die Aufklärung kämpfte nicht gesellschaftlich politisch — dazu fehlte den östlichen Völkern der geistige Raum — sie kämpfte gegen die steinerne Last einer starken Tradition und des das Leben verzerrenden Ritualismus, Zwei Richtungen, eine radikale und eine gemäßigte, kämpften gegen die Erstarrung der Religion, die ihnen als der Feind jeden gesunden Volkslebens erschien. Man sah in der Freiheit von der Tradition die Grundlage für ein neues Leben. Und so lehrt einer der bedeutendsten Vertreter der radikalen Richtung, Jehuda Leib Gordon, daß das Leben mit der Religion ein großer Irrtum sei, Sie gibt dem Schicksal einen metaphysischen Sinn und betrachtet das Leid als einen Teil des göttlichen Weltplans, den zu beeinflussen dem Menschen verwehrt ist, Leid will den Menschen läutern. Und so erzieht die Religion die Juden zum Warten, Sie stehen im Leid und blicken starr über die Jahrtausende hinweg in die Zukunft auf das Kommen des Erlösers, Sie warten — und sie verkommen dabei. Die Religion nimmt ihnen die Kraft, das Leben selbst zu gestalten. So stellt ein anderer dieser „neuen Hellenisten", Saul Tschernichowsky, die freudige Lebensbejahung des griechischen Menschen der nur durch den „Klang von Drüben" sinnvollen Lebenslast des Juden gegenüber und preist in einem neueren Gedicht die Besiedlung des Emek, die Rückkehr zur Erde, zur Fruchtbarkeit und diesseitigen Sinnlichkeit als Sieg des heidnischen Baal über den jüdischen Gott. Die gemäßigte Richtung, der Kulturzionismus, ist geistig von Männern wie Achad Haam und Bialik bestimmt. Durch die Kraft des Landes und der Sprache soll die Thora des Herzens wieder belebt werden und das in seinen Menschen erneuerte Volk entstehen, das sich in seinen Beziehungen zu den Völkern nur von sittlichen Grundsätzen leiten läßt. Das Entscheidende ist, daß auch dieser Kulturzionismus eine säkulare Größe ist und Kultur und Volk nur in nichtreligiösen, säkularisierten Kategorien begreift. Gleichzeitig aber schreiben diese Männer hebräisch und sind bei aller Ablehnung religiöser Werte glühende Nationalisten, Es ist der umgekehrte Golemmythos (Bergmann). Der blutleere jüdische Schemen will sich einen Körper schaffen. Aus diesem Willen zum Diesseits entspringt die Kritik an der Religion, IV. So entstand Palästina. Von zwei Richtungen gebaut. Der Westen, Herzl, gab die politische Form. Der Osten gab den Inhalt, die Massen. Beide Gruppen kamen ohne Gläubigkeit ins Land, die eine religionsindifferent, die andere religionslos aus Ueberzeugung. Wie ist heute die religiöse Situation im Lande? (Hugo Bergmann, auf den ich mich im folgenden stütze, hat im Novemberheft des Morgen 1934 eine instruktive Darstellung der Lage gegeben.) 130