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Der jüdische Wille · 1935-07-01 · Heft 5-6 (Juli 1935) · page 5

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 5-6 (Juli 1935)
Date
1935-07-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Religion aus. Mochte man also von der Linken bis zur Rechten verschiedener Ansicht darüber sein, was vom voremanzipatorischen Judentum übrig blieb, wenn man es auf seinen religiösen Charakter begrenzte — alle waren sich darin einig, daß man Jude nur durch seine religiöse Bindung und außerhalb dieses Religiösen nichts als Europäer, Deutscher, Franzose, Engländer sei und darum tief in die weltliche Kultur dieser Völker eintauchen müsse. So ist die Paradoxie zu verstehen, die in der Aktion der „Protestrabbiner" liegt und die darin besteht, daß sich vor allem die Rabbiner, die den Anspruch erheben, Träger eines lebendigen Judentums zu sein, gegen die Herzische Konzeption des jüdischen Volksbegriffs wandten. Sahen sie doch dadurch ihren mühsam errichteten theoretischen Bau, die Lehre von der Religionsgemeinschaft und der religiösen Mission des Judentums unter der Menschheit, bedroht. Unter diesem Gesichtspunkt entstanden auch wiederholt zum Teil weit verbreitete, noch heute gebräuchliche Gebetbücher, die sorgfältig von allen nationalen Gedanken gereinigt wurden. Es ergibt sich folgende Entwicklungsreihe: Im Altertum sind wir Religion und Volk. Im Mittelalter sind wir Religion mit der Fiktion eines völkischen Lebens und der großen Sehnsucht nach dem Land der Väter. Und in der Neuzeit wird alles Nationale aus der Religion ausgeschieden, und Judentum ist nach Auffassung dieser Zeit ausschließlich Religion. So entstand im Westen die Konzeption eines Menschentyps, der Europäer war und das Judentum als Religion besaß. Das war die Theorie, Die Wirklichkeit sah anders aus. Der religiöse Liberalismus ist in seinen Anfängen eine Sache der Theologen gewesen. Eine Sache, getragen von kraftvollen und leidenschaftlichen Männern, die um eine Synthese von Judentum und Europäertum kämpften. Diese Menschen waren trotz ihrer Reformbestrebungen ganze und geschlossene Juden. Sie waren ein vollwertiges Glied in der Kette jüdischer Tradition und erfüllt von lebendiger jüdischer Substanz. Ihren Nachkommen blieb der Kampf erspart. Sie fanden nur fertige Resultate. Sie fanden das Resultat der Synthese. Sie waren nicht kraftvoll genug, um sie immer erneut und zu erneuter Fruchtbarkeit zu vollziehen. Je mehr sie sich um die Verwurzelung im europäischen Kulturgut bemühten, um so größer wurde die jüdische Entwurzelung. Liberalismus wurde eine Sache der Laien. Judentum sollte Religion sein. Aber was sich als prophetische Religion ausgab, war außerhalb der Orthodoxie in weitesten Kreisen farblose und unverbindliche, deistisch gefärbte Morallehre, ohne Anschluß an die Tradition und ohne Auseinandersetzung mit dem durch die Geschichte geprägten jüdischen Lebensstil. II. Aus diesem Geist kommt Theodor Herzl. Er ist ein Kind des 19. Jahrhunderts mit seinem Feiertagsjudentum und seiner Verdünnung der jüdischen Substanz. Darum entstand die Konzeption des Zionismus als einer primär politischen Bewegung zunächst ohne jede Auseinandersetzung mit jüdischen Inhalten. Wäre Herzl anders gewesen, hätte er nicht in diesem religiös verdünnten Raum gelebt, hätte er vor seiner Wandlung vom Journalisten zur motorischsten Seele des jüdischen Nationalgedankens eine positive Stellung zum jüdischen Traditionsgut besessen, hätte er, wie z. B. Achad Haam, zu mindest ein Wissen um das Gegründetsein jüdischer Existenz in spezifischen Inhalten gehabt, wäre der Zionimus sicherlich nicht ausschließlich eine politische Bewegung geworden. Eine geistige Bewegung bleibt ja immer aufs nachhaltigste von den geistigen Intentionen ihres Gründers beeindruckt. 129

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