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Der jüdische Wille · 1935-06-01 · Heft 4 (Juni 1935) · page 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 4 (Juni 1935)
Date
1935-06-01
Page
– (sequence 28)
Language
German
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Intellekt, Der Intellektualist Perez schul in vielen seiner Erzählungen körperlose, abstrakte Figuren, die nur vorkommen, um etwas Gefühlvolles und Menschliches zu künden. In den Werken Perez' ist aus der einen Seite die Vision und der Glaube, auf der anderen Seite das dialektische Ich und die starke Skepsis zu Hause. Charakteristisch für die romantische Seite seiner Werke ist seine Erzählung „Die Kabalisten", in welcher eine seiner Figuren die Welt aus Melodien bestehend erklärt und hinzufügt, daß es drei Arten von Melodien gibt: Eine Melodie, die mit Worten gesungen wird. Dies ist die erste Stufe. Eine Melodie, die ohne Worte gesungen wird. Das ist die zweite Stufe der Musik. Und zuletzt gibt es eine wort- und melodielose Musik, die nicht gesungen wird, sondern nur im Inneren empfunden wird. Hier hat der Gefühlsmensch P e r e z eine Apotheose der Romantik gestaltet. Am charakteristischsten für die entgegengesetzte Seite seines literarischen Schaffens scheint mir seine Betrachtung: ..Mi anochi"? (wer bin ich?) zu sein. Hier erreicht der Skeptizismus die Grenze eines philosophischen Nihilismus. Die skeptische Figur in dieser Betrachtung fragt, wer denn im Inneren des Menschen sitze, um seine Handlungen zu bestimmen und welche Kräfte es denn eigentlich seien, die manchmal miteinander streiten. In dieser skeptischen Philosophie nun steigert sie sich so weit, daß sie zuletzt an sich die Frage richtet, ob sie denn in Wirklichkeit überhaupt existiert? Wir haben eigens diese beiden Proben von Perez literarischem Schaffen angedeutet, um die Pole zweier Welten anzuzeigen, zwischen denen sich Perez, suchend, tastend, sehnsüchtig, nach Harmonie lechzend, hin und her bewegte. So kam er zum Chassidismus. — Für Perez war der Chassidismus die einzige Bewegung im Judentum, die genau wie er, alle extremen Elemente in sidi aufwies. Ja, noch mehr, als sich Perez in die Welt des Chassidismus vertiefte, entdeckte er, daß der Chassidismus nicht nur extreme Elemente enthalte, sondern sie zugleich in einer höheren Synthese harmonisch vereinigt und auflöst. Von diesem Tage an war der Chassidismus sein höchstes Ideal. Hier fand er, was er wollte: Die intellektuelle Ueberlegenheit des so gerne klügelnden Rabbi und zugleich die innere Inbrunst und die starke Gefühlswelt des sehnsüchtigen Chassid. Ein ganzes Leben lang war Perez auf der Suche. Da er kein beständiger Charakter war, mußte er sich immer wieder am Neuen berauschen. Er trank deshalb gierig alles, was Europa geboten hat. Um zu guter Letzt doch im Eigenen sein höchstes Ideal wiederzufinden: Die Harmonie der Kontraste--- V. Für die Vielseitigkeit des literarischen Schaffens Perez* gibt es in der westeuropäischen Literatur nur noch ein Beispiel: Hermann Bahr. Für die Unstetigkeit und für das literarische Vagabundentum gibt es ebenfalls nur eine Parallele: Waldemar Bonseis. Eines der Bücher dieses Letzteren betitelt sich: „Wanderer zwischen Staub und Sternen". Mit diesem Buch meinte Bonseis sich selbst. Mit ruhigem Gewissen könnten wir Perez als einen solchen Wanderer bezeichnen. Nur muß man hinzufügen, daß er auf diesem Wege zwischen Staub und Sternen sein eigenes Volk entdeckte . . , Er fing mit der Skepsis an und endete in der Romantik. Er begann mit Vagabundieren bei Fremden und landete mit dem Chassidismus im jüdischen Volkstum. Deshalb hat dieser Mann für uns eine fast symbolische Bedeutung erhalten: Sein Leben ist im miniaturhaften „Mikrokosmos" ein getreues Spiegelbild des gigantischen „Makrokosmos" des jüdischen Volkes. Nach allen Irrungen — fand er heim. Und weil wir uns jetzt alle auf dem Wege nach Hause befinden, gedenken wie seiner in Ehrfurcht. 116

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