Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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für sich jetzt eine neue Denkkategorie erobern: den Zeitbegriff der Gegenwart» Die hebräische Literatur, die bis nun ausschließlich Themata jüdischen Inhalts behandelte, sollte jetzt das allgemein Menschliche in den Mittelpunkt der Betrachtungen rücken. Drittens forderte diese neue Richtung die Volkstümlichkeit der Literatur und protestierte dagegen, daß die hebräische Sprache eine Sprache für die oberen Schichten und nicht fürs Volk bilde. Mit dieser letzten Forderung sollte eine Art von Säkularisierung vor sich gehen. Die hebräische Sprache sollte ihren heiligen Charakter in einen „profanen" ändern. Man war europäisch, und man forderte, daß die neuhebräische Literatur unter allen Umständen ein europäisches Gesicht bekomme. Man schrieb deshalb kurz und prägnant. Die hebräische Sprache wurde von allen pseudoklassischen Zugaben gesäubert. Man war einfach, prosaisch, unsentimental, kurz europäisch, — Im übrigen hatte man ^— so wenig wie in Westeuropa —• eine bestimmte literarische Richtung, Diese Generation befürwortete kritiklos alles Neue, das aus dem Westen kam. Man schrieb realistisch, und Naturalismus beherrschte die jüdische Gasse, Auch der europäische Symbolismus fand Anklang, um letzten Endes, nach vielem Wandern und Suchen, in die hebräische „Neuromantik" zu münden. Der klassischste Vertreter dieser ewig-suchenden Sturm-und-Drang- Generation war P e r e z. III. Wir nannten diesen Aufsatz „Harmonie der Kontraste", weil es die einzige Bezeichnung ist, die das Wesen P e r e z annähernd zu charakterisieren im Stande ist, Perez selbst nannte sich in einem seiner ersten Gedichte „Hafachfach", d, h. unbeständig, kontradiktorisch. Wenn es schon sonst schwer fällt, eine vielseitige Persönlichkeit auf eine Formel zu bringen, so erweist es sich bei Perez schlechterdings als eine Unmöglichkeit. Seine epischen Werke sind realistischer, psychologischer und symbolischer Natur, Er schrieb Gedichte und Dramen, Satiren und Epigramme, Feuilletons und Skizzen. Er wechselte schnell von einem Genre zum anderen, und jede dieser literarischen Ausdrucksformen trug einen anderen Charakter. Er selbst vereinigte in seinem Wesen die radikalsten Extreme: Er war Intellektualist und ein starker Gefühlsmensch; er hing der Haskala an und steckte tief im jüdischen Nationalismus, Er personifizierte eine gewisse Aristokratie des menschlichen Ich und trat zugleich begeistert für Volkstümlichkeit ein. Sein ganzes Leben war ein literarisches Vagabundieren (ohne den Beigeschmack des Wortes!), Perez' ganzer „Weg" war ein großes Suchen. Ja noch mehr! Wenn man f,Weg" sagt, sagt man zu viel. Es waren nämlich immer „Wege". Er liebte die Kontraste und berauschte sich an den Gegensätzen. Deshalb verliebte er sich auch in jede neue Richtung, die in der europäischen Literatur auftrat. Er war ein Skeptiker und durchleuchtete mit seiner Skepsis alle Gefühlslagen menschlichen Innenlebens, Er war ein Gefühlsmensch, und deshalb suchte er in allem Jüdischen den menschlichen Kern. Perez war eine unstete Natur und literarisch nicht seßhaft. Er mußte von Zeit zu Zeit die Ebene wechseln. Sonst wäre er seelisch unbefriedigt geblieben. Nur im Chassidismus fand er Ruhe. Wir werden gleich sehen warum: IV. Das geistige Schaffen Perez* trägt in sich die Kontrastik seines Meisters und zeigt auch die beiden extremen Pole auf. Seine Werke sind romantisch und intellektuell, Sie betrachten die innere Welt und die suchende Seele, aber in dieser inneren Welt und in dieser suchenden Seele herrscht der 115