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Der jüdische Wille · 1935-06-01 · Heft 4 (Juni 1935) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 4 (Juni 1935)
Date
1935-06-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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Harmonie der Kontraste (Zum 20. Todestag von Jizchak Leib Peres) Von Bbr. Max Nussbaum. L Zeit der Handlung: Die 80er und 90er Jahre des 19ten Jahrhunderts. Ort der Handlung: Die europäische Literatur im Westen. Als Reaktion gegen die strenge Welt des Klassizismus macht sich eine neue Richtung bemerkbar. Diese „neue Richtung" hält literarische Umschau, auch jenseits der üblichen Landesgrenze. Sie erweitert die Horizonte. Es ist allgemeiner Aufbruch der Jugend gegen den „Bürger" in der alten Literatur. Es ist die Zeit der „Milieutheorie" und des Naturalismus des Franzosen Emil Zola. Es ist die Epoche der psychologisch-revolutionären Dramatik des Norwegers Ibsen. Es sind die Jahrzehnte, in denen die großen Russen in alle westeuropäischen Sprachen übersetzt werden. Die Jugend bricht mit jeder strengen Form und mit jeder beengenden Norm. Man schreibt extrem realistisch, und Naturalismus ist das führende Schlagwort. In Westeuropa bleibt dieser Zustand nicht lange bestehen. Er ist nur U ebergang und eine Brücke zum Impressionismus in der Kunst und zum Symbolismus in der Poesie. Diese junge literarische Bewegung hat keine bestimmte Richtung. Im Gegenteil: sie trinkt aus allen Brunnen. Sie ist weltoffen und saugt in sich die ganze Vielfältigkeit und Fülle der Welt ein. Der größte Teil der Arbeit besteht im Suchen. Man ist begeistert für alles Neue. Man bejaht die Gegenwart und alles Aktuelle. Es ist, wenn man genau hinsieht, eine Richtungslosigkeit im Stil. Aber letzten Endes münden all diese Versuche — alle Begeisterungen für das Neuerrungene, alle Freuden um das Neuentdeckte — in die Neoromant i k ein. II. Zeit der Handlung: wie oben. Ort der Handlung: die neuhebräische Literatur im Osten. Als Reaktion gegen die normierte Welt der hebräischen Klassik erhebt sich die neue Richtung der jungen Schriftstellergeneration. Die hebräische Klassik hat unserer Literatur ungeheure Geschenke, sowohl im Stil als in Sprache, sowohl in Form als im Inhalt, gemacht, Mendele war der große Stilist der Prosa. Bialik war der große Stilist in der Poesie. Und Achad Haam war der große Architekt der geschlossenen jüdischen Weltanschauung. Diese Welt hatte Niveau, und dies war gut — aber es war schwer in ihr zu leben. Die j/unge Generation konnte in ihr nicht atmen. Man sehnte sich nach Ungebundenheit und Aufgelockertheit. Wie in der westeuropäischen Literatur, verlangte man Erweiterung des Horizonts. Man forderte Uebersetzungen fremder Literaturen und die literarische Behandlung nicht nur jüdischer, sondern allgemeiner, rein menschlicher Fragen. Diese Forderungen waren traditionsfremd, dafür aber lebensnah. Sollte aber die hebräische Sprache nun auch Ausdruck dieser neuen großen Welt der Gegenwart werden, so mußten auch ihre Grenzen erweitert werden. Und auch dafür trat man jetzt mit aller Entschiedenheit ein. Reuben Breinin forderte für die hebräische Literatur} ausnahmslose Aufnahme alles Schönen und Neuen, und Ben-Awigdor verlangte schöne Literatur fürs Volk. Das jüdische Volk, das nur in zwei Kategorien zu denken pflegt, in der der Vergangenheit und in der der Zukunft, sollte 114

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