Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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heraus zu dem Gedanken kamen, die entstandenen Gegensätze durch eine Fusion zu beheben« An sich war der Gedanke einer Verbindung mit dem Blau-Weiß schon früher einmal aufgetaucht; Bileski hatte schon im April 1920 im JSt. etwas derartiges propagiert. Damals war seine Stimme noch verhallt, und der Fusionsversuch des Berliner Ruder-VJSt. mit dem Ruder- Club „Ivria" hatte keineswegs gänzlich die erhofften Folgen gezeitigt« Aber während damals der Blau-Weiß immerhin seine eigene Haltung noch nicht zu solcher Bestimmtheit ausgeprägt hatte, damals vielleicht — auch nicht sicher — der Versuch einer engen Verbindung positive Ergebnisse hätte bringen können, war inzwischen die Position des Blau-Weiß erheblich stärker, die des KJV, erheblich schwächer geworden. Jetzt war der Fusionsvorschlag geboren aus einer Stimmung, daß nur mit den radikalsten und weitgehendsten Mitteln die entstandene Gefahr gebannt werden könnte. Und etwas Frappierendes hatte dieser Vorschlag ja wirklich. Während das KJV. sich Jugendgruppen schaffen wollte, mußte der Blau-Weiß daran denken, seine Aelteren zusammenzuhalten. Was lag dann eigentlich näher als der Gedanke einer Fusion, bei dem das Kartell den notwendigen Unterbau der jüngeren Jahrgänge erhalten, die älteren Blau-Weißen dagegen reibungsloser und leichter den Weg zu zionistisch-politischer Bildung und Tätigkeit gefunden hätten? Auf der einen Seite hätte das Kartell jugendliche Frische und Belebung, auf der anderen der Blau-Weiß die Einwirkung gefestigter politischer Haltung erfahren. Es schien alles glänzend aufeinander zu passen. Man glaubte einesteils den Wanderbund notwendig zu haben, anderenteils ihm aber doch auch viel geben zu können. Es war eine merkwürdige Mischung aus Schwäche- und Stärkegefühl, die die KJV.er erfüllte, die den FusionsVorschlag machten. Aber der Verdacht läßt sich nicht abschütteln, daß das Gefühl der Inferiorität doch das stärkere war; als der gebende Teil bei einer Fusion erschien vornehmlich doch der Blau-Weiß; er übte auf das Kartell eine geheime Suggestion aus, die mit jedem Monat stärker wurde. Freilich war das Risiko einer Fusion ungeheuer. Die erste Fusion, der das KJV. sein Entstehen verdankte, die zwischen BJC. und KZV., konnte als Parallele nicht herangezogen werden. Die Gegensätze, die es damals zu beheben galt, wogen federleicht im Vergleich zu den tiefen und grundsätzlichen Unterschieden nicht nur der Theorie, sondern auch des Lebensstiles — und Rhythmus, die zwischen Kartell und Jugendbund bestanden. Es waren eigentlich ganz andersartige Organismen; während die Fusion von 1914 nur die formale Besiegelung einer durch die Zionisierung des BJC. bereits erfolgten Entwicklung dargestellt hatte, während damals die beiden Verbände einander immer ähnlicher geworden waren, so daß bei einer Fusion nicht mehr gar so viel zu ändern war, war hier die Entwicklung in genau entgegengesetzter Richtung verlaufen: KJV. und Blau-Weiß hatten sich immer mehr auseinandergelebt; besonders der Blau-Weiß hatte alles getan, um seine aus den Anfängen herrührende Bindung an das Kartell zu lockern, ja fast zu lösen» Wollte man aus dieser Situation heraus — und an der Berechtigung dieses Wunsches ist kein Zweifel möglich —, so hätte man dazu einer sehr klugen, sehr vorsichtigen, sehr taktvollen Führung bedurft, die langsam und allmählich im Wege geistiger Auseinandersetzung, durch gelegentliche gemeinsame Veranstaltungen und ähnliche Maßnahmen die alte Nähe wieder hergestellt und so vielleicht wirklich eine Fusion vorbereitet hätte. Im Augenblick der stärksten gegenseitigen Abneigung aber durch eine Fusion in aller Form zum Ziele kommen zu wollen, das hieß nichts anderes, als das Roß beim Schwänze aufzuzäumen. Das sahen die Bundesbrüder nicht, die damals den Fusionsgedanken vertraten. Sie meinten, je größer die Differenzen seien, um so eher sei es 110