Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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in der Jugend jedes Gefühl individueller Verantwortlichkeit, gewöhnte ihr die eigene Entscheidung ab und machte sie hilflos und ungeschickt für alles, was zu dem Leben des Bundes nicht in Beziehung stand. Das KJV. hatte gerade auf Gehorsam und Disziplin den größten Wert gelegt; immer aber war es der Gehorsam gegenüber selbstgewählten Oberen gewesen, Disziplin aus dem Gefühl der Verantwortung vor dem selbsterwählten Zionismus. Der Blau- Weiß ging einen anderen Weg; er bezeichnete sich als eine Armee, die nach Palästina marschiere, und als sein eigenes bündisches Ziel die Verwandlung dieser Armee in einen Orden. Dergestalt entwickelte sich eine eigene Bundestheologie, eine eigene Bundes-Sakralität, Das alles konnte man im KJV. nicht anders als mit Skepsis und Abneigung betrachten. Man konnte nicht glauben, daß die Blau-Weiß-Bundesleitung, aus jungen Menschen Anfang der 20er Jahre bestehend, dieser ungeheuren Verantwortung gewachsen sein würde. Die lebensmäßige Intensität des Blau-Weiß war aber so stark, daß jeder Versuch, diese ganze Haltung argumentativ zu erschüttern, von innen heraus gar nicht unternommen werden konnte, von außen her erfolglos bleiben mußte. Das KJV. mußte sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß der Blau-Weiß, sozusagen sein leibliches Kind, sich endgültig getrennt hatte und eine Sonderentwicklung nehmen würde, so daß das Kartell von dort her keinerlei Nachwuchs zu erwarten hätte. Damit war es vor die Notwendigkeit gestellt, eine eigene, neue Jugendbewegung zu inaugurieren und zu stützen. In einem offenen Brief teilte das Präsidium dies der Bundesleitung des Blau-Weiß mit. Man durfte nun aber nicht in den Fehler verfallen, den man bisher begangen, und der sich in Prunn so schwer gerächt hatte, diese Jugendbewegung sich entgleiten zu lassen.; man mußte sie von vornherein fest in den Rahmen des Kartells einspannen, was aber nun das geistige und organisatorische Gefüge, die ganze Verfassung des KJV. völlig verändern mußte. Wenn das Kartell schon in der Schülerschaft der Mittelklassen anfangen sollte, so verschob sich die Stellung der Studenten-, noch mehr der Alt-Her renschaft ganz enorm. Das Präsidium war sich dieser Konsequenzen wohl bewußt und nahm einen außerordentlichen Kartelltag für die Neuregelung der ganzen Frage in Aussicht. Schon auf dem Delegiertentage der ZVfD. in Kassel im September sollte eine Vorbesprechung der dort teilnehmenden KJV.er stattfinden. Bis dahin war die Entwicklung logisch und in Opposition gegen den Blau-Weiß verlaufen. Nun aber setzte plötzlich eine zunächst sehr unverständliche, dann aber doch begreifliche Schwenkung ein. Man sagte sich im KJV.-Präsidium, daß die Gründung und Führung einer eigenen großen Jugendbewegung die Kräfte des Kartells leicht übersteigen könne; zudem konnte man mit dem Gedanken, mit dem Blau-Weiß nicht nur in geistiger Auseinandersetzung, sondern in erklärter Gegnerschaft zu leben, diese Gegnerschaft vor den Augen des ganzen deutschen Zionismus durchfechten zu müssen, sich doch nicht vertraut machen. Zudem mußte man sich immer wieder gestehen, daß im Blau-Weiß eine große Zahl wirklich wertvoller Menschen sei, und daß es sehr bedauerlich sein würde, wenn die Wege beider Verbände endgültig auseinandergehen müßten. Man konnte die Augen nicht davor verschließen, daß im Blau-Weiß ein Gemeinschaftsleben pulsierte, das dem des KJV. in seinen besten Jahren vor dem Kriege — wenn auch auf einer anderen Ebene — ebenbürtig war. Und wenn man auch den Ideologien des Wanderbundes Kritik entgegensetzte, von seinem Leben, von seinen Menschen war man doch sehr stark beeindruckt, ja manchmal fasziniert. Die anfängliche Entschiedenheit des „Offenen Briefes" geriet ins Wanken. Vornehmlich die Präsidialmitglieder Bruno Perl, Fritz Löwen* st ein und Leo Rosen blüth waren es, die aus diesen Erwägungen 109