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Der jüdische Wille · 1935-06-01 · Heft 4 (Juni 1935) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 4 (Juni 1935)
Date
1935-06-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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gedanke erfüllt eine außerordentliche Steigerung« Das sogenannte „Gesetz von Prunn" stellte jeden einzelnen Blau-Weißen unter die unbedingte und durch nichts eingeschränkte Obergewalt der Bundesleitung; von der Zustimmung dieser Bundesleitung, die nicht in der üblichen parlamentarischen Weise gewählt wurde, aber doch in allen Kreisen des Bundes die höchste Autorität genoß, wurde auch die Zugehörigkeit des einzelnen Blau-Weißen zu anderen Organisationen abhängig gemacht. Schon dieses konnte das KJV. unter keinen Umständen akzeptieren; Eintritt, Verbleib und Austritt von KJV^ern durften nicht erfolgen auf Grund von Weisungen einer außerhalb des Kartells stehenden Instanz. Die praktischen Palästinapläne, die auf dem Bundestag vorgelegt wurden, mußten ebenfalls die Kritik herausfordern; eine Kolonie, nur aus Blau-Weißen bestehend, hätte leicht zu einer Abschließung vom übrigen Jischuw, sicher zu einer Erschwerung der Hebraisierung geführt; auch schien das wirtschaftliche Fundament nicht tragfähig genug, und gewisse Vorstellungen von einer möglichst weitgehenden Autarkie der Siedlung dem Entstehen einer jüdischen Volkswirtschaft im Lande sogar schädlich. Noch mehr mußte das Kartell die geistigen Tendenzen im Blau-Weiß, die immer betonter dort zur Herrschaft strebten, als befremdlich betrachten. Vor dem Kriege hatten Bundesbrüder wie Moses Calvary und Karl Glaser geglaubt, gerade in der Jugendbewegung des Blau-Weiß eine Erneuerung der Phantasie und künstlerischen Schöpferkraft im Judentum durch die zionistische Gesinnung erwarten zu dürfen; 1918/19 hatte Erich Buchholz den hebräischen Humanismus vertreten. 1922 aber standen die Dinge so, daß die fraglos in reichem Maße vorhandenen geistigen Energien des Blau-Weiß in immer stärkerem Umfange sich nichtjüdischen Kulturinhalten zuwandten. Niemand wird sich heute zutrauen wollen, abschließend zu entscheiden, wie bei deutschen, postassimilatorischen Zionisten das Verhältnis von ererbter und erworbener deutscher und erstrebter jüdischer Bildung sich zu gestalten hat. Das Kulturproblem des deutschen Zionismus ist heute noch genau so scharf gestellt, wenn nicht noch schärfer, wie vor 10 Jahren. Noch immer sind wir des hohen Wertes unserer deutschen und europäischen Bildung uns bewußt; aber ob es für eine zionistische Jugendbewegung gut war, Dürer und Goethe, Stendhal und Schultze-Naumburg mit einer solchen Intensität zu kultivieren, wie es der Blau-Weiß damals tat, ob er tatsächlich glauben durfte, auch mit diesen Inhalten zum Judentum erziehen zu können, das wird doch schwerlich ohne weiteres bejaht werden können. Gewiß hat es auch im Kartell damals mit Judaisierung und Hebraisierung nicht ideal ausgesehen; aber der Wille dazu war doch immerhin vorhanden, und auch ein gewisser Ansatz zur Verwirklichung. Das KJV. hatte als menschliches Idealbild, auf das hin erzogen wurde, immer den aufrechten, männlichen, klugen, tatkräftigen, verantwortungsbewußten, menschlich großherzigen Zionisten betrachtet. Das Kartell hatte den Bund darstellen sollen, in dem solche Zionisten, jeder im Bewußtsein seiner individuellen Verantwortung, gleichberechtigt zusammenstanden. Der Blau-Weiß aber proklamierte nun als Idealbild den „heldischen Führer". Das lag sehr weit ab von jüdischen Traditionen. Nicht daß unser Volk derartige Heroen in seiner Geschichte nicht aufzuweisen hätte; am Anfang des politischen Zionismus steht ein Mann, der ganz sicher als ein solcher bezeichnet werden kann: Theodor Herzl. Aber dieses Heroen-Ideal nahm die Blau-Weiß-Führerschaft nicht aus jüdischem Bereich; und vor allen Dingen konnte es in Praxi zu nichts anderem führen, als daß die Bundesleitung langsam geistig in ein Bewußtsein derartigen Ftihrertums sich hineinsteigerte, die große Masse der einfachen Blau-Weißen aber, der Gymnasiasten und Lehrlinge, immer mehr den unbedingten Gehorsam als einzige Tugend betrachtete; man ertötete damit 108

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