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Der jüdische Wille · 1935-06-01 · Heft 4 (Juni 1935) · page 19

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 4 (Juni 1935)
Date
1935-06-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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die richtige Systematik in das sehr gewachsene Gebiet des zu Lehrenden hineinzubringen. Die beginnende Inflation warf ihren Schatten auf die bisherige Sicherheit der wirtschaftlichen Existenz; nicht Wenige,, die plötzlich lohnenden Erwerb im kaufmännischen Leben fanden, entzogen sich im Voll* gefühl der neuen Selbständigkeit auch der KJV.-Disziplin. Andere, die in dem Trubel der damaligen Wirtschaft nicht so sicher sich zu bewegen verstanden, konnten wieder nur mit Mühe sich über Wasser halten, was auf das Verbindungsleben natürlich auch nicht gerade befeuernd und ermutigend wirken konnte« Die Intensität des Lebens im Kartell ließ bedenklich nach. Und während der Blau-Weiß mit Fahrten und Heimabenden, mit Singen und Völkerballspielen ein immer kraftvolleres Gemeinschaftsleben zeitigte, konnte das KJV. immer noch nicht zu neuen, allerseits als verbindlich anerkannten, Auch das Präsidium Bileski, das der III. Kartelltag zu Weihnachten 1920 in Leipzig einsetzte, fand nicht den Weg ins Freie. Am wenigsten wurde das Formproblem im Berliner Ruder-VJSt. empfunden. Dort ermöglichte das Rudern eine straffe Verbindungsdisziplin, erzeugte unter den Bundesbrüdern eine enge menschliche Gemeinschaft und erfüllte auch die zionistischwissensmäßige Arbeit mit Leben; dort gab es kein bläßliches Theoretisieren, keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der Jugendbewegung, sondern zionistische Aktivität und KJV.-Freudigkeit. Aber eine einzige Korporation konnte nicht das ganze Kartell tragen; und ein allgemeiner Uebergang zum Wassersport hätte sich schon aus finanziellen Gründen nicht durchführen lassen, obwohl Versuche dazu mehrfach unternommen wurden. Die Formenfrage wurde immer dringender; es war aber in Wirklichkeit nicht die Form-, sondern die Lebensfrage, die immer wieder ans Licht trat; das Leben im Kartell war nicht stark genug, um aus sich heraus Formen zu erzeugen resp. Formen zu übernehmen und zu entwickeln. Die Krise wurde offenbar durch zwei JSt.-Aufsätze von Gerhard Holdheim und Erich Cohn. Sie glaubten beide, dem Kartell die Todesdiagnose stellen zu müssen. Nun wo der Zionismus „salonfähig", Weizmann in Berlin vom Reichspräsidenten und — man denke — vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde empfangen worden sei, könne der alte kämpferische Geist des BJC. die Jugend nicht mehr beseelen; die Unmöglichkeit aber, die Forderung der Chaluziuth allgemein zu erfüllen, müsse auf das Kartell so deprimierend wirken, daß eine völlig verkrampfte Stimmung sich ergebe, in der niemand gerne leben möge, die die Entfaltung der Persönlichkeit behindere, und binnen kurzem zu einem moralischen und faktischen Zusammenbruch des Kartells führen werde. Gewiß waren die Thesen Holdheims in ihrer dialektischen Ueberspitzung nicht überall zutreffend; aber manches hatten sie richtig aufgezeigt. Paul Hirsch und Bruno Perl, beides Ruder-VJSt.er, entgegneten mutig und energisch; wiesen mit Recht darauf hin, daß jener kämpferische Geist des alten B.J.C. sich jetzt durch die Tat bewähren müsse, daß der Zionismus noch längst nicht von der deutschen Judenheit angenommen worden sei, das KJV. auch weiterhin dafür kämpfen müsse. Aber nicht alle Stimmen klangen so selbstsicher und vertrauensvoll; und die ganze, durch Monate sich hinziehende „Holdheim-Debatte" beweist jedenfalls doch so viel, daß etwas mit dem KJV. nicht in Ordnung war. Es war ein Krankheitsherd im Kartell, und man wußte nicht, wie und wo man ihm beikommen könne. Eine Entscheidung brachte auch der IV. Kartelltag in Hannover Ende des SS. 1922 nicht. Bileski wurde als Präside wiedergewählt. Da trat ein Ereignis ein, das von außen her das Kartell aufs stärkste erschütterte. Der B1 a u - W ei ß nämlich, mit dem man bislang immerhin noch in leidlichen nachbarlichen Beziehungen gestanden hatte, nahm mit seinem Bundestag in Prunn Anfang August 1922 eine neue Entwicklung. Der Bundes- 107

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