Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Entstehung und Entwicklung des K. J. V/ Von Bbr. Walter Gross (Fortsetzung) V, Nachdem dergestalt die Sezession des „rechten Flügels", der „Ringkämpfer", wie man sie wohl im Scherz genannt hatte, erfolgt war, bot das KJV. ein erheblich verändertes Gesicht* Ja, die Struktur des Kartells war damit überhaupt eine andere geworden. Ein sehr starker Hemmschuh der Entwicklung war fortgefallen. Um so größer war nun die Verantwortung, die auf denjenigen Bundesbrüdern lastete, die bisher die „Mitte" gebildet hatten. Es mußte für diese jetzt sehr schwer werden, die notwendige Entwicklung in geordneten Bahnen zu halten und darüber zu wachen, daß das Tempo nicht allzu rapide würde. Denn während sie bisher hatten vermitteln können, sahen sie sich plötzlich selber als rechten Flügel; denn rechts von ihnen — sozusagen — stand niemand mehr. Sie mußten befürchten, auch bei noch so fairer Polemik mit den Anhängern einer unbedingten Reform, auch bei noch so sachlicher und verantwortungsbewußter Auseinandersetzung von diesen als „Reaktionäre" angesehen zu werden. Und diese Auseinandersetzungen mußten kommen, waren um so weniger vermeidbar, als der Blau- Weiß gerade von 1920 ab immer selbständiger wurde, ein immer reicheres Leben entfaltete, auf die jüdische Jugend immer größere Anziehungskraft gewann, im deutschen Zionismus immer wichtiger wurde, und so das KJV. immer stärker in den Schatten drängte. Vielleicht hätte ein anderes Präsidium als das, das der Frankfurter Kartelltag gewählt hatte, das Kartell in dieser Zeit klüger und lebendiger geführt; allerdings muß man sagen, daß die Aufgabe, durch die aufgeregten Wogen der Zeitströmungen das Kartell sicher und erfolgreich zu steuern, außerordentlich schwer war. Denn während das Jahr 1919 vorwiegend der theoretischen und prinzipiellen Klärung hatte gewidmet werden müssen und können, trat mit der Uebergabe des Palästinamandates an England auf der Sitzung des Völkerbundrates in San Remo im April 1920 und der Einrichtung der Zivilverwaltung im Lande selbst nun mit aller Wucht die praktische Aufgabe an den Zionismus heran. 2% Jahren bangen Zweifels war damit ein Ende gemacht; aber erst jetzt wurde es eigentlich offenbar, welche unendliche Schwierigkeiten die Verwirklichung bot. Probleme der Berufswahl wurden nun erst ganz akut; ein großer Teil der Bundesbrüder, die vor 1933 in das Land kamen, hat damals den Entschluß zur Alijah gefaßt; aber es war nicht ganz einfach, den richtigen Weg der Vorbereitung zu finden. Oft waren es natürlich die wertvollsten Menschen, die durch diese persönliche Palästinavorbereitung, selbst wenn sie es nicht wollten, von der Verbindungsarbeit abgehalten wurden; und nur sehr langsam wuchs eine Generation heran, die die Verluste der Kriegsjahrgänge, die gerade damals das KJV. hätten tragen können, zu ersetzen vermochte. An allen Ecken und Enden brauchte die Zionistische Organisation, brauchte der neue Keren Hajessod, brauchte das Arbeiterfürsorgeamt, das die in großer Zahl vor polnischem Militärdienst geflüchteten Ostjuden betreute, Hilfskräfte, haupt- und nebenamtliche. Es war nicht möglich, allen Erfordernissen zu genügen, und die vom Präsidium lancierte Idee einer „KJV.er-Dienstpflicht" konnte nicht durchdringen. Man darf auch nicht vergessen, daß die zionistisch-wissenschaftliche Ausbildung sehr viel umfassender und gründlicher sein mußte als bisher, und daß es nicht leicht war» 106