Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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war, verschiebt sich jetzt immer mehr zugunsten derer, die trotz der wirtschaftlichen Situation an eine berufliche Umstellung nicht mehr denken« können. Bezeichnenderweise hat schon im Jahre 1925 das deutsche Judentum nur 16 Prozent seiner Angehörigen in den Altersklassen zwischen 0 und 15 Jahren gehabt, während bei der deutschen) Bevölkerung sonst fast 30 Prozent dieser Altersstufe angehörten. Wenn man dazu noch bedenkt, daß der ostjüdische Teil einen wesentlich besseren Prozentsatz (nämlich 23 Prozent) in der Altersstufe zwischen 0 und 15 Jahren hatte — ein Bevölkerungsteil, der noch auswanderungswilliger und zur Auswanderung stärker gezwungen war, als der westjüdische Teil der Bevölkerung — so kann »als feststehend betrachtet werden, daß in den kommenden Jahren der Anteil der 15- bis 35jährigen an der jüdischen Bevölkerung im Schwinden begriffen sein wird, ganz unabhängig davon, ob eine Erschwerung der ökonomischen Situation noch eintritt Wir wenden unsere Aufmerksamkeit den Schulentlassenen und danach den Berufsumschichtlern zu: Die Schulentlassenen. Das Jahr 1935 hat uns 6000 jüdische Schulentlassene gebracht. Während früher der Großteil der jüdischen Jugend mit Obersekundareife oder Abitur die Schule verließ, d. h. mit 16 bzw. 19 Jahren, ist heute meist schon mit Vollendung des 14. Lebensjahres der Zeitpunkt der Schulentlassung gekommen. Außer denen, die in diesem Alter. die Volksschule verlassen^ gehört ein großer Teil der Schulentlassenen zu denen, die eine Mittelschuiausbildung nach 4 Jahren abbrechen. Die unter bildungsmäßigen und pädagogischen Gesichtspunkten gleich unsinnige Praxis jüdischer Eltern, Kinder auf die Mittelschule zu schicken schon in dem Bewußtsein der Notwendigkeit ihren Bildungsgang! vorzeitig abzubrechen, hat im letzten Jahre kaum eine Einschränkung erfahren. Es sei nur in Parenthese vermerkt, daß das Gefühl der Degradierung bei den Kindern, die die Schule verlassen, während ihre Schulkameraden noch weierhin die Schule besuchen, viel stärker ist als bei den Volksschulentlassenen. Der Drang zu manuellen Berufen ist auch in den Kreisen noch stark, bei denen die Auswanderungsabsiohten kein konkretes Ziel haben oder überhaupt nicht vorhanden sind. Die verfängliche Parole der Berufsumschichtung deren Sinnlosigkeit mindestens für die europäischen Länder der Gola in den letzten Jahren zu Tage getreten ist, zeigt ihre Nachwirkungen auch in den Kreisen, die Palästina heute für die Lösung ihres persönlichen Schicksals ablehnet. Der Aktionsradius, der jüdischen Handwerkern oder gar Landwirten in Deutschland geblieben ist, ist ungleich geringer als der des jüdischen Kaufmanns und kleinen Angestellten. Die Erkenntnis von der Unmöglichkeit, in größerem Umfang in manuelle Berufe in Deutschland einzudringen, hat sich in den deutsch-jüdischen Kreisen immerhin so bemerkbar gemacht, daß die Tendenzen zur Berufsumschichtung und auch zur Erstausbildung im manuellen Beruf gegenüber 1933 geringer geworden sind. Der Bund der Deutsch-Jüdischen! Jugend, der nach seinen eigenen Angaben ungefähr 9000 Mitglieder umfaßt, hat auf einer seiner letzten Tagungen selbst die klare Erkenntnis von der Bodenlosigkeit der Berufsumschichtung in Deutschland ausgesprochen. Die Vorstellungen, die in diesem Kreise von der wirtschaftlichen Zukunft unserer Jugend bestehen, differieren zwar kaum von den unseren. Die Deusch-Jüdische Jugend glaubt jedoch dem Sektor des deutschen Judentums anzugehören, der kraft der Fundierung seiner Kreditbasis durch die wirtschaftlichen Positionen der Vergangenheit in Deutschland noch einen Lebensraum für sich finden kann. Die Ideologie, die 96