Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Editorial
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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Mit sieben Aktiven fingen wir unsere Arbeit ah. Jeder gab sein Bestes, mehr als nur die freie Zeit stand der Arbeit für den Klub zur Verfügung. Auch einige der alten Inaktiven, die aus der Ivria hervorgegangen waren, und einige Alte Herren vergaßen ihre Inaktivität, opferten ihre wohlverdiente Ruhe und stellten sich dem Klub zur Verfügung. Unser Ziel war, die Tradition der Ivria fortzusetzen und einen Klub zu schaffen, in dem intensive sportliche Arbeit, enge persönliche Verbundenheit der Mitglieder und das Streben, an der Wiedererweckung des jüdischen Nationalbewußtseins mitzuwirken, den Weg bestimmten. Bald nach Beginn unserer Arbeit kam der Zeitpunkt, zu dem die Ältesten der Schülerabteilung das Alter erreicht hatten, in dem eine Aufnahme in den Klub möglich war. Leider ging der größte Teil der Jungen in den Bar-Kochba, dessen Leichtathletik durch sie einen unerhörten Aufschwung nahm. Einige kamen zu uns und waren uns eine wertvolle Hilfe. Aber gemessen an dem Einsatz der Kräfte und unserer Hingabe war der Erfolg der ersten Jahre gering. In dieser Zeit — dem Ende der Inflation — hatte die Jugend wenig Zeit und noch weniger Interesse an sportlicher Betätigung. Und unter den wenigen, die Sport treiben wollten, war ein Verein wie die Ivria mit ihrer positiven Einstellung zum Judentum und seiner Betonung nicht gefragt. Die Kriegs-Erziehung und die Inflation hatten eine Jugend hervorgebracht, deren hervorragendstes Kennzeichen die Oberflächlichkeit war. Wenn sie schon Sport treiben wollte, dann sollten nicht noch außerdem Probleme sie beschäftigen. Wenn es dann noch Probleme waren, von der Tiefe und der Verzweigtheit, wie sie uns unser Jude-Sein stellte, dann waren sie vollends geeignet, der Ivria wenig Attraktionskraft zu geben. Wir wollten ja nicht einen Ruderklub aufbauen, wie es deren genug gab, evtl. mit dem Unterschied, daß wir nur Juden als Mitglieder hatten. Die Vorstellung, die wir von einem „jüdischen" Ruderklub hatten, floß aus unserer Tradition. Sport war in erster Linie sportliche Erziehung, war nicht nur körperliche Übung und Ertüchtigung. Gewiß stand diese körperliche Ertüchtigung von Juden an der Spitze unseres Programms. Aber sie sollte und mußte verbunden werden mit der Erziehung, die unsere Jungens zu aufrechten, wieder jüdischnational empfindenden Juden machte. Rudern, der Sport, der den ganzen Organismus in Anspruch nahm und kräftigte, ein Mannschaftssport, war wie kein anderer dazu geeignet, durch das Gemeinschaftserlebnis das unter den Juden verloren gegangene Gemeinschaftsempfinden zu stärken. Er lehrte Disziplin, die Einordnung in das große Ganze, das vom einzelnen nicht Aufgabe seiner Persönlichkeit, aber Beiseitelassen der .egozentrischen Wünsche und Bestrebungen verlangte. Neben der sportlichen Erziehung wollten wir nicht darauf verzichten, auch die Erweiterung und Vertiefung des Wissens vom und über das Judentum zu betreiben. Die Assimilation unserer Jugend sollte überwunden werden. Jüdischer Sport war uns nicht der von Juden ausgeübte, sondern der, der im Bewußtsein des nationalen Daseins und im Verantwortungsgefühl gegenüber dem Judentum uns zu Leistungen anspornt. War die geringe sportliche Neigung der ersten Generation der Nachkriegsjugend einer der Gründe, aus denen wir zunächst wenig Nachwuchs bekamen, so war, als sich diese Abneigung legte, unsere zionistische Einstellung und Erziehung die Ursache, daß wir auch weiterhin nur geringe Erfolge hatten. Auch dieser sportlich eingestellten Jugend war es bequemer, die uns bewegenden geistigen Fragen unerörtert zu lassen. Der „frisch-fröhliche" Betrieb lag ihnen mehr. Es kam hinzu, daß wir uns bei der Zahl der Neuaufnahmen nach den Kräften richten mußten, 28