Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Editorial
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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Der Bläu -Weiß war ein romantischer Jugendbund. Man sang dort Landsknechtslieder und schwor Treueide. Als akademische Tüftelei galt die Ansicht, daß der Zionismus zur Selbsterziehung und zu einer geistigen Umgestaltung des Menschen verpflichte. Wer in den Blau-Weiß eintrat, fühlte sich als ausgezeichneter Jude und noch ausgezeichneterer Zionist allein schon durch die Zugehörigkeit zum Bund. Die von Walter Moses geführte, vorzüglich organisierte Jugendgemeinschaft verbreitete eine Atmosphäre von Kraftgefühl, die mindestens Achtung abnötigen mußte . Neben dieser strahlenden Unentwegtheit wirkte das K. J. V. auf den oberflächlichen Betrachter beinahe mickrig. Seine Verbindungen, insbesondere unser Ruder-V. J. St., empfanden eine gewisse Diskrepanz zwischen ihrer Struktur als akademische Vereinigungen und den sehr unakademischen Aufgaben, welche die Erziehung zum Zionismus stellte. Holdheim hgtte kurz vorher durch einen Artikel im „Jüdischen Studenten", der die Frage nach der Lebensfähigkeit des Kartells aufwarf, eine recht eigenartige Diskussion entfacht. Die einen behaupteten mit Leidenschaft, daß sie und das Kartell lebten, andere negierten beides nicht minder leidenschaftlich. Der Ruder-V. J. St. hatte diese Sorgen geistiger Existenz auf seine Weise gelöst: Er hatte den akademischen Rahmen gesprengt, weil er für die zionistische Erziehung die Tatsache des Akademiker-Seins für unerheblich hielt. Er hatte sich eine eigene Jugendorganisation, die Jung-Ivria, geschaffen, weil er es als notwendig empfand, Menschen, die Zionisten werden sollten, schon früher zu erfassen als nach dem Abiturium, um einschneidender durch Erziehung in ihr Leben eingreifen zu können. Der Ruder-V. J. St. stand dank dieser Jugendorganisation, dank auch seines durch den Sport vorgeschriebenen Betätigungsrfahmens in sich gefestigter da als fast alle Verbindungen des Kartells. ( Diese anderen Verbindungen litten angesichts ihrer inneren geistigen Kämpfe und Krämpfe empfindlich unter einem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber jenen Blau- Weißen, die Landwirte werden wollten und damit Ernst machten und auch leichter Ernst machen konnten, weil sie jünger von der Bewegung erfaßt wurden als die K.J.V.er, die meist erst mit 19 oder 20 Jahren mit dem Zionismus4in Berührung gekommen waren. Die theoretische Denkweise und akademische Bedächtigkeit der K.J.V.er harmonierte schlecht mit dem jugendlichen Ungestüm der Blau-Weißen, die weniger auf eine Idee als auf die Person ihres Führers, weniger auf geistige Arbeit als auf Völkerball eingeschworen waren. Die Fusion zerbrach in kaum 30 Tagen. Was blieb? Die meistenVerbindungen des K.J.V. glichen Trümmerhaufen; die Berührung mit dem stürmisch pulsierenden Leben war den Akademikern schlecht bekommen. Man hatte gewagt und nicht gewonnen. Der Streit über die Schuldfrage hatte die Atmosphäre jedes K. Jt V.er-Kreises schädlich beeinflußt. Was war vom K. J. V. geblieben? Eine fast entmutigte Gemeinschaft, die durch ein neues Programm „Kampfansage an den Blau-Weiß" neuen Inhalt und neues Leben zu gewinnen suchte. Bezeichnend für den geistigen Zustand des Kartells ist die abstrakte Sprechweise vieler K.V. J.er im Frühjahr 1923: „In unserer Arbeit tritt die Prävalenz des politischen Moments in der Intensivierung unserer zionistischen Erziehung in Erscheinung. Die geistige Ausein- ,21