Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1935-01-01 · Editorial · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Editorial
Date
1935-01-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2827066-3186711-3186714--0911-3187063
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

alten Büro von Walter Katschke in der Mohrenstraße saßen wir wochenlang, um die Kartothek der Förderer und Mitglieder beider Vereine zu sichten. Ein reger Briefwechsel wurde geführt. Alte Herren wurden persönlich aufgesucht, und jeder Aktive sammelte für das Bootshaus in seinem Verwandten- und Bekanntenkreis. Wir haben viele Spenden aus dem Kreise der Altherrenschaft erhalten. Moralisch wichtiger als diese Spenden war die finanzielle Beteiligung der damaligen Aktivitas. Auf einem Convent des R.V.J.St. und auf einer Mitgliederversammlung der Ivria im Januar 1925 wurde einstimmig beschlossen, daß jeder Aktive verpflichtet sei, einen ansehnlichen Mindestbeitrag für das Bootshaus aufzubringen. Alle Aktiven führten diese Aktion mit Ernst durch und brachten sämtlich wenigstens ihren Mindestbetrag auf. So hatte jeder Bundesbruder seinen Anteil an dem Bau des Bootshauses. Das Bootshaus ist also ein Werk, das aus Gemeinschaftsgeist und Gemeinschaftstat entstanden ist. Anfang Mai 1925 fand die Obersiedlung von den Bootsschuppen in Niederschöneweide nach Friedrichshagen statt. Manche komische Szene spielte sich dabei ab. Wir charterten ein Lastauto und ein Motorboot, welche unser Material und die Möbel nach Friedrichshagen transportieren sollten. Sowohl das Lastauto als auch das Motorboot weigerten sich, die Fahnenstange mitzunehmen, weil sie zu lang war. Nach größeren Debatten mit sehr viel guten Ratschlägen beschloß man, die Fahnenstange auf dem Wasserwege nach Friedrichshagen zu bringen: ein Elite-Zweier wurde bemannt, der die Stange mit mancherlei Schwierigkeiten nach Friedrichshagen schleppte. Als das letzte Boot den Steg verlassen wollte, brach er zusammen; es war wirklich hohe Zeit, daß wir aus diesem Schuppen herauskamen. Auf der herrlichen Terrasse unseres Bootshauses haben wir viele schöne Stunden verbracht. Viel hat sich in den Jahren geändert. Geblieben und sogar noch vergrößert hat sich die Bedeutung des Bootshauses für uns. Dies können nur die ermessen, die in den letzten Jahren hier waren, in denen unser Bootshaus der zentrale Ort der Gemeinschaft gewesen ist. Der Ruder V.J.Sf. 1923 bis zur Auflösung Fusion, Defusion, Inflation Von Hans Katschke, Berlin Vor mir liegt das Protokollbuch über die Konvente des Ruder-V. J. St. 1922—1924, Voll Wehmut verweile ich bei der schönen, geradlinigen Handschrift, toiit der dieses Protokollbuch beginnt und größtenteils geführt ist. Sie rührt von der Hand unseres damaligen Drittchargierten Martin Abraham II her, eines prächtigen Jungen. Er hat vor etwa anderthalb Jahren als Fliegerlehrling auf einem Berliner Flugplatz durch Absturz sein Leben eingebüßt und ist in den Tod gegangen, so wie er gelebt hat, ohne viel Aufhebens von sich zu machen, und doch immer an einem Platz, der nur von den Besten ausgefüllt werden kann. Es fällt fast schwer, sich von jenen Seiten zu trennen, mit denen ich mich hier gerade nicht beschäftigen soll, und sich dem Zeitabschnitt zuzuwenden, den zu schildern meine Aufgabe ist. Anfangs des Jahres 1923 hatte das Kartell Jüdischer Verbindungen und der Ruderverein die schwerste Zeit seiner Entwicklung durchgemacht, in der es um Sein oder Nichtsein ging. Man hatte einen Weg des Zusammengehens mit der Jugendbewegung des jüdischen Wanderbundes Blau-Weiß gesucht und die Form in der Gestalt einer Fusion gefunden. 20

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.