Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Editorial
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Inflationszeit besonders schwer hatten. Daneben wurde noch der Bahnhofsdienst für jüdische Durchwanderer, die in Scharen aus Polen und der Ukraine flohen, versehen. Wie mancher eiskalte Wintermorgen wurde in den düsteren Wartesälen des Schlesischen Bahnhofs verbracht und mit mehr gutem Willen als Sachverständnis versucht, den armen, gehetzten Brüdern ein wenig zu helfen. Für viele war dies die erste Gelegenheit, Ostjuden, die nur aus der Literatur bekannt waren, von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen, und dieses Kennenlernen wurde zu einem starken zionistischen Erlebnis. Im Dezember 1920 legte Paul Hirsch den sieggewohnten Dreizack nieder, und der Paddelhaken wurde Fritz Simon übergeben, dem Holzer und Kurt Rosenberg zur Seite standen. Eine unparteiische Geschichtsschreibung wird feststellen müssen, daß Simon zu jung und unerfahren war, um die ihm gestellte schwierige Aufgabe befriedigend zu lösen. Fiel doch in seine Amtszeit die de-jure-Auflösung der Ivria (de facto hatte sie schon längst zu bestehen aufgehört) und ihre völlige Verschmelzung mit dem Rudervist, der sich damals den Namen „Ivria" auch als K. J. V.-Verbindung offiziell beilegte. Für viele von den Älteren war es aber keine reine Freude, ihre alte Ivria so klanglos verschwinden zu sehen. Sie hingen nicht nur an diesem Namen, sondern auch an vielen alten Freunden, die draußen geblieben waren, da in einem radikalzionistischen Verein kein Platz mehr für sie war. Sie kämpften um jeden einzelnen von ihnen, und es gab unangenehme Debatten auf dem Konvent. Simon war froh, als er in die Leitung der Jung-Ivria, über die unten noch zu reden ist, abkommandiert wurde und, nach einem kurzen Zwischenspiel Fritz Glaser, Bertram Fisher die Erste Charge übernahm. Mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet, verstand es Fisher, den Verein auf eine achtenswerte Höhe zu bringen. Die Aktivitas zählte beinahe 50 Burschen und Füxe. Disziplin und Arbeitsfreudigkeit waren vorbildlich, so daß der Rudervist die führende und tragende Verbindung des K.J.V. wurde. In dem von Arthur Stein geführten Kartellpräsidium arbeiteten noch vier Ruder-V. J. St.er, darunter sein Leibfux Fisher und sein Leibenkel Simon. Der Verein konnte sich den Luxus leisten, seine aktivsten Mitglieder für Außenarbeit freizugeben, ohne daß der Innenbetrieb darunter irgendwie litt. Als einzige Verbindung, in der das „Formproblem" kein Problem ist, wirbt er im Kartell für verstärkte Leibeserziehung und den Anschluß an die Jugendbewegung. Die Erfahrungen mit der „Jung-Ivria" kommen ihm dabei besonders zustatten. Jung-Ivria Die Jung-Ivria ist ein Kriegskind. Im Jahre 1915 gegründet, setzte sie sich anfänglich aus Primanern und kaufmännischen Lehrlingen zusammen und diente in erster Linie dem ruderischen Nachwuchs. Bald wurde ihr eine reine Schülerabteilung angegliedert, die die jüngeren Jahrgänge umfaßte und Sport- und Wanderbetrieb machte. Unter Rudi Schönheimer, dem Wilhelm Wolff und Felix Heilborn zur Seite standen, entwickelte sie sich bald zu einer richtigen Jugendbewegung, ähnlich wie der des Blau-Weiß, allerdings mit stark betonter sportlicher Note. Ihre Mitglieder Treumann und Simmenauer gehörten jahrelang zu den besten leichtathletischen Junioren Berlins. Im April 1921 fand ein Führerwechsel statt: Ernst Mandelbaum «übernahm den 1. Zug (die 16—18jährigen), Fritz Simon den 2. Zug (die 14—16jährigen) und Gustav Löbenstein, später Karl Ettisch den 3. Zug (die 12—14jährigen). Auch diese beiden prächtigen Menschen weilen schon nicht mejhr unter den Lebenden. Die Jung-Ivria hatte einen Mitgliederbestand Von 17