Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 3 (April 1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Gefso<Sterti „Weg ohne Ende'' (Erich Reiß-Verlag, Berlin.) „Ein jüdischer Roman", so nennt Gerson Stern den „Weg ohne Ende", und er verdient diesen] Namen, denn es handelt sich nicht um ein deutsches Unterhaltungswerk, wie so häufig, mit jüdischem Sujet, sondern dieses Buch ist jüdisch, auch im Geiste und in der Tendenz; es erschließt das jüdiche Problem besser und eindringlicher, als es oft wissenschaftliche Abhandlungen und erklärende Darlegungen tun und vielleicht auch tun können. Derjenige Teil des „Weges ohne Ende", der herausgegriffen und hier geschildert wird, knüpft an historische Vorgänge und Personen an, um aus diesen frei dichterisch gestaltend dem Leser Bilder, Vorstellungen und Zusammenhänge zu erleuchten, die das ganze Judenproblem blitzartig erhellen und klären. Zur Zeit Leopolds von Dessau und der SchlesienJ-Politik Friedrichs des Großen spielen die Vorgänge des Romans, der seinen Höhepunkt in den Prager Pogromen und der Austreibung der Juden aus Prag auf Befehl Maria Theresias zur Zeit der Schlesischen Kriege hat; ein Milieu also und Vorgänge, die relativ kurze Zeit zurückliegen und in eine Zeit fallen, in der andere europäische Völker das Mittelalter längst überwunden] hatten, da auch in der jüdischem Geschichte die Zeichen der Neuzeit schon erkennbar waren. Moses Mendelssohn hatte seine Wanderung von Dessau nach Berlin schon angetreten. So kurze Zeit ist es erst her, daß das Ghetto der selbstverständliche! Lebensmittelpunkt, vernichtender Haß, kleinlichste Schikane und Ausbeutung die selbstverständliche Umgebung und innere Geschlossenheit, stolze geistige Eigenhaltung und Konzentration auf die jüdische Erlösungshoffnung die selbstverständliche Lebensführung und der Schild gegen das Zerbrechen des Einzelnen und der Gesamtheit unter dem zermalmendem Druck der Außenwelt war. Wie oft und wie ähnlich haben wir schon parallele! Ejhtiwicklungenfc wie die vom Ende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert — und zurück — durchgemacht, und wie oft wird sich bis zur endgültigen Erlösung der Weg noch wiederholen« Aber was als intuitive Erkenntnis aus der Lektüre dieses Buches auch dem Unproblematischen von selbst erwächst und einleuchtet, ist das Wissen, warum dieses Volk aus seiner Leidensgeschichte, der die keiner anderen Gemeinschaft an die Seite zu stellen ist, — zwar Narben davongetragen hat — aber in seinem menschlichen Wert und Wesen nicht vernichtet und zerbrochen worden ist: Weil die innere selbstverständliche Gewißheit von der Erlösung des Einzelnen und der Gemeinschaft, von der Auserwähltheit zur höheren Verbundenheit mit dem Weltgeist alles Geschehen, auch das Leiden als sinnvoll und zweckmäßig, als zur Vollendung der erhofften Erlösung notwendig hinnimmt und damit die Haltung des Einzelnen über das Erlebnis des Tages und des persönlichen Leidens hinaus noch erhebt. Die Parallele auf unsere Zeit drängt sich von selbst auf. Wird heute vielleicht auch bei den Schicksalsschlägen unseres Volkes die religiöse Note nicht mehr oder nicht mehr bei allen die Rolle spielen wie bei Perez ben Jitzchok in Prag, so kann die innere Haltung des getroffenen Volkes doch sich stützen auf d?s Bewußtsein der Zugehörigkeit zur Geistesgemeinschaft und die Hoffnung auf Erlösung aus dem Golus zu neuem, menschlich gehobenem und volklich erlöstem Leben dieses in seinen! Fehlern und Vorzügen einzigartigen Volkes. So meint es wohl der Dichter mit seinem Sinnspruch: „Es ist ein Roman, wenn du willst, es ist Geschichte, wenn du sie herausschälst, es ist ein Aufruf wenn du ihn erhörst." Daß auch der „Roman" im Buche neben den großen Gesichtspunkten und Zusammenhängen nicht zu kurz kommt, sondern in intimeren Episoden von guten und liebenswerten, von schlichten und problematischen Menschen in zarten und bunten Tönen diese' Menschen unserem Herzen nahebringt und uns köstliche Erinnerungen schafft, sei nur nebenbei erwähnt. Fritz Simon, Berlin. 81