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Der jüdische Wille · 1935-04-01 · Heft 3 (April 1935) · page 17

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 3 (April 1935)
Date
1935-04-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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teriäl und ganz besonders an jüdischem Arbeiten fehlt, Wenn Chaim Nachman Bialik einmal in einer seiner letzten Berliner Ansprachen, mit Erbitterung darauf hinwies, daß wir die Erforschung unserer eigensten Schätze, nämlich des jüdischen religiösen Schrifttums, zum größten Teil Nichtjuden überlassen hätten, so ist festzustellen, daß auch über das profane Leben des jüdischen Volkes die wertvollsten Arbeiten, die eindringendsten, mutigsten Fragestellungen zum großen Teil von Nichtjuden herrühren, und daß wichtige Gebiete überhaupt kaum bearbeitet zu sein scheinen. An soziologischen, sozialpsychologischen und vor allem auch ernsthaften politischen Arbeiten ist von jüdischer Seite, soviel wir sehen, verzweifelt wenig vorhanden. Während wir mit unserem besten Kräften fremde Aecker bestellt haben, sind wir gezwungen, über einige der interessantesten jüdischen Probleme Arbeiten nichtjüdisoher Gelehrter wie Sombart und Max Weber, Maurice Muret und G, L, Duprat, Robert Michels und Joh. Plenge zu lesen. Was von unserer Seite etwa auf soziologischem Felde vorhanden ist — vor allem das große Werk von Ruppin — ist -zwar, besonders bei dem Mangel an Vorarbeiten, sehr dankenswert, läßt aber hansichtlich der tieferen Analyse des Materials recht viel zu wünschen übrig, und bietet jedenfalls noch die reichsten Möglichkeiten für weitere Arbeit. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier Anweisungen zu Büchern zu geben, die geschrieben werden müßten. Wer die beiden wesentlichsten Voraussetzungen fruchtbarer wissenschaftlicher Tätigkeit erfüllt, nämlich die notwendige Schur lung und das angeborene „Ideenvermögen", das zur Erkenntnis der Zusammenhänge und Fragestellungen befähigt, in genügendem Maße besitzt, der wird auf jüdischem Gebiet Arbeit in Fülle finden, wenn er sich nur ernstlich diesem Gebiet zuwenden will. IV. Die erste Stufe der Arbeit an der Judenfrage, die intensive Beschäftigung mit der Lage der Juden in den verschiedenen Ländern und ihren Ursachen auf jüdischer und nichtjüdischer Seite, erscheint als geeignet und notwendig für jeden geistig regen Menschen unserer Generation. Die zweite Stufe, die selbständige Sammlung und Sichtung wichtigsten Materials zur Erkenntnis der Judenfrage unter selbsitgewählten Gesichtspunkten, erscheint nur für die verhältnismäßig wenigen bestimmt, die sowohl die äußeren Möglich« keiten wissenschaftlicher Arbeit besitzen, wie jenes schon erwähnte „Ideenvermögen". Die dritte und höchste Stufe aber läge darin, den ganzem riesigen Problemkomplex, der die moderne Judenfrage bildet, mit dem Blick des Philosophen zu überschauen, die Rolle des jüdischen Volkes in der tiefen Krise der Kulturwelt abzuwägen, um dann endlich zur kühnsten geistigen Tat fortzuschreiten — zur neuen Zielsetzung, neuen Sinngebung in dieser gewaltigen Wende unserer Geschichte. Dies ist gewiß nur eine Aufgabe für ganz wenige, und wir wissen nicht, ob unsere Generation überhaupt solche Menschen birgt. Aber wenigstens das Bewußtsein um die Notwendigkeit einer solchen Tat muß in uns wach sein, — die Bereitschaft, zu folgen und zu helfen, wenn Berufene da sind. Wenn unsere Generation auch nur imstande ist 4as volle Gefühl und Bewußtsein der Situation, in der wir leben, und als Juden leben, in sich aufzunehmen und zu verbreiten, so wird sie ganz gewiß kein verlorenes Geschlecht in der jüdischen Geschichte bilden. 73

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