Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 3 (April 1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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AebaUckkeiteni und Kontraste, die sich im Leben anderer Völker zu dem der «luden finden und die unseren Blick für die eigene Lage und das eigene Wesen ungemein verschärfen. Hierfür nur ein Beispiel! Betrachtet man etwa die (aus vielen Gründen besonders interessante) Judenfrage' in den Vereinigten Staaten, so ergibt sieh, daß sie u, a. auch in mannigfacher Weise von der Existenz der elf Millionen Neger beeinflußt wird. Denn es liegt z, B, auf der Hand, daß in einem weißen Lande, in dem so viele Millionen von Neigern leben', nicht der Jude das prädestinierte Objekt echter Regung von Rassenabneigung sein kann. Andererseits erhält etwa der bekannte politische Radikalismus bestimmter jüdischer Kreise durch die Existenz der nur mit Gewalt niedergehaltenen Negermassen in den Augen vieler Amerikaner eine besondere Gefährlichkeit. Aber von solchen direkten Zusammenhängen ganz abgesehen! bietet die amerikanische Negerfrage für uns eine Fülle anderer Berührungs;- punkte. So ist das Interesse ganz evident, das die Rassengesetzgebung vieler amerikanischer Einzelstaaten heute für uns besitzt; in allen Südstaaten und auch in mehreren nördlichen Staaten besteht z. B, ein gesetzliches Verbot der Mischehen zwischen Weißen und NegeVn. Auch die unterschiedliche Behandlung, denen die Neger in Bezug auf Bildungsmöglichkeiten, politische Rechte, Berufsausbildung usw. unterworfen sind, besitzen! für uns heute offenbar das größte Interesse. Lernen wir doch aus solchen Studien vor allem auch, daß wir Juden wahrhaftig nicht das einzige Volk sind, das um seine. Rechte zu kämpfen und zu leiden hat! — Aber ganz gewiß hat die eingehende Beschäftigung mit der Judenfrage, die Untersuchung der einzelnen bestimmenden Faktoren, für uns auch ein durchaus praktisches Interesse. Es soll hier nicht die Frage aufgeworfen wenden, inwiefern die Katastrophe des deutschen Judentums auf ein schuld" , haftes Verkennen seiner tatsächlichen Lage zurückzuführen ist. Daß die deutschen Juden tatsächlich in einer Welt von Illusionen gelebt haben, muß heute jedem klar sein. Die große Masse der deutschen Juden hat sich nicht etwa nur darüber getäuscht, daß die Weimarer Republik im Volke niemals recht Wurzel gefaßt hatte, sondern sie hat überhaupt die Grundkräfte und 4at$achen des deutschen Lebens nach dem Kriege verkannt! Sie hat fast durchweg die gewaltigen, schicksalbestimmende Bedeutung der außenpolitischen Faktoren weit unterschätzt, ~- jener Faktoren!, deren Wirkung Max Weber mit der HeUsichtigkeit des Genies erkannte, als er nach der Lektüre des Versailler Vertrages ausrief; „In zehn Jahren sind wir alle Nationalisten!" Wir deutschen Juden haben weiter die ungeheure Kraft verkannt, die auch heute noch den großen reigiösen Institutionen innewohnt, haben aber andererseits erlebt, wie sich für sämtliche Parteien der Weimarer Republik, die einmal so sehr wichtig genommen wurden1, kaum Märtyrer fanden, — daß aber um des Glaubens willen auch im zwanzigsten Jahrhundert viele Tausende von Protestanten wie von Katholiken unverrückbar da standen, wo ihr Gewissen es ihnen vorschrieb. Wir können heute kaum wissen, wieviel uns eine richtigere Einschätzung all dieser und anderer Faktoren genutzt hätte; aber daß die deutschen Juden, und auch wir Zionisten, den deutschen Dingen gegenüber eine flache, ratio*- nazistische, unhistorische Betrachtungsweise an den Tag gelegt und teuer dafür bezahlt haben, das steht wohl außer Zweifel. In Zukunft solche Fehler zu meiden, und die Erkenntnis unserer Torheiten dem jüdischen Leben in anderen Ländern nutzbar zu machen, erscheint uns als eine der wichtigsten Aufgaben. III. Jede ernstliche Bemühung um die Erkenntnis der Judenfrage1 stößt bald auf die Tatsache, daß es auf vielen Gebieten an wissenschaftlichem Ma- 72