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Der jüdische Wille · 1935-04-01 · Heft 3 (April 1935) · page 15

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 3 (April 1935)
Date
1935-04-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Die radikale Veränderung der Lage des deutschen Judentums, das ja zahlenmäßig nur einen ganz geringen Teil des jüdischen Volkes ausmacht, aber geistig eine unverhältnismäßig große Rolle in ihm gespielt hat, muß dazu führen, daß die tausend Faktoren der Juden trage in der Galuth neu ermittelt, neu durchdacht und neu gqwertet wier* den. Wenn diese vertiefte Erkenntnis dazu beitragen sollte, in anderen Ländern verhängnisvolle Entwicklungen zu vermeiden, so hätte das Leid der deutschen Juden — auch abgesehen von der großen Stärkung des Palästina« aufbaues, von dem wir hier nicht weiter sprechen! können) —isein Gutes gehabt und man könnte später, vom gesamt jüdischen Standpunkt aus, vielleicht sagen; „gam se letauwoh!" Aber das höchste Ziel, das unserer Generation bei der Forschung und Besinnung über das eigene Schicksal vor Augen schweben darf, ist noch nicht die bloße Verhütung neuer Katastrophen in anderen Ländern, sondern etwas viel Höheres: die schöpferische Neubestimmung sowohl des Verhältnisses zwischen dem wunderbar erstarkenden Erez Israel und des doch auf unabsehbare Zeit hinaus lebenswichtigen1 Galuth, wie vor allem auch des Verhältnisses zwischen def Judenheit überhaupt und den Völkern der Erde — also der Judenfrage im letzten und höchsten Sinne, IL Die Arbeit an der Judenfrage, zui der unsere Generation berufen scheint, hat drei Stufen. Es handelt sich zunächst darum, wenigstens die wichtig» sten Faktoren, von denen die Gestaltung der Judenfrage in den verschiedenen Ländern abhängt, zu erkennen und möglichst gründlich kennen! zu lernen. Diese Faktoren zerfallen in zwei große* Gruppen. Die eine umfaßt alle Tat* sachen des jüdischen Lebens in jedem einzelnen Lande, vor allem die Zahl der dortigen Juden, ihre wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Betätigung. Obwohl diese Gruppe eine Unmenge reizvoller und zum großen Teil auch ohne weiteres zugänglicher Tatsachen umfaßt, von denen im allgemeinen auch unsere Nationaljudem merkwürdig wenig wissen, können wir hierbei nicht länger verweilen. Wenden wir uns nun der anderen großen Problemgruppe zu, so stehen wir vor der Tatsache einer ungeheuren Vielfalt der Faktoren, die jeweils auf die Gestaltung der Judenfrage Einfluß ausüben. Ja, die Judenfrage jedes Landes erweist sich als Mikrokosmos, in dem sich der Makrokosmos der gesamten religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen, innen- und außenpolitischen Verhältnisse widerspiegelt. Welche Fülle von Möglichkeiten jüdischer Bildung, welcher Ansporn zu lebendigster Wissenschaft für uns in der richtigen Erfassung dieser Tatsache liegt, kann hier nur angedeutet werden. Die Judenfrage ist uns zu einem Erlebnis von solcher Gefühlsintensität geworden, daß ihre Wiederkehr in den mannigfachsten Formen immer wieder unser Interesse erweckt. Und da wir einem Volke angehören, das in fast allen Ländern des westlichen Kulturkreises und weit darüber hinaus lebt und mit seiner Existenz in engstem Zusammenhang mit den Verhältnissen der Wirtsvölker steht, so bringt uns die bewußte Zu* gehörigkeit zu dem verstreuten Volke in eine einzigartige Fülle von Beziehungen zur modernen Welt überhaupt. Hier ist ein Zentrum, von dem wir immef wieder ausgehen, zu dem wir immer zurückkehren können; hier können wir sagen: „Willst Du ins Unendliche schreiten, schreit nur ins Endliche nach allen Seiten!" Dabei erweist es sich bei jedem Eindringen in den ungeheuren Stoff, daß nicht nur die direkten Einwirkungen der verschiedenen Umweltsfaktoren auf die Judenfrage des Interesses wert sind, sondern ebenso sehr auch die vielen 71

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