Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 3 (April 1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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möglich? Wie ist es zu erklären? War unser Unglück unentrinnbares Schicksal oder hätten wir es durch ein anderes Verhalten wenigstens teilweise verhüten können? Und vor allem: Wird sich dieser Ablauf in anderen Ländern wiederholen?; i \!; |; i'^l^Hfi Keine Generation hat die Judenfrage — in des Wortes weitester Bedeutung, als die Frage nach den Tatsachen, den Möglichkeiten und dem Sinn des Zusammenlebens zwischen, Juden und Nichtjuden — mit so elementarer Wucht erlebt wie die; unserige. Daher ergibt sich schon aus subjektiven Gründen, um der geistigen und seelischen Befreiung unserer Menschen willen, die Verpflichtung, uns intensiv um tiefere Erkenntnis der Judenfrage in der Galuth 7U bemühen Denn wir werden unserer Erlebnisse nur in der Weise Herr, daß wir vollständige Klarheit über sie gewinnen — keineswegs dadurch, daß wir sie unverarbeitet ins Unterbewußte verdrängen und uns nun etwa — wie es leider jetzt häufig geschieht — fluchtartig und ohne echte innere Entscheidung in die ausschließliche Beschäftigung mit jüdischen Dingen stürzen, zu denen doch Vielen in unserer Generation die seelische Verbindung zunächst einmal fehlte. Tun wir dagegen, wozu es uns drängt — ringen wir um eine tiefere und umfassende Erkenntnisse der Judenfrage, so erfüllen wir eine Aufgabe, zu der wir besonders geeignet scheinen und die objektiv von größter Bedeutung für die gesamte Judenh eit ist. Unsere besondere Eignung ergibt sich schon daraus, daß wohl jede fruchtbare Arbeit über die Judenfrage: an gewisse bildungsmäßige Voraussetzungen, Vor allem Sprachkenntnisse und wissenschaftliche Schulung, geknüpft ist, die in unserer Genieration und speziell bei den Akademikern, weitgehend vorhanden sind, aber dem jetzt in Deutschland heranwachsenden Judengeschlecht größtenteils versagt bleiben müssen, weil unsere jungen Menschen «ich nicht nur von wichtigen Bildungsmöglichkeiten ausgeschlossen sehen, sondern von ernstesten Berufs- und Zukunftssorgen erfüllt sind, so daß praktische Aufgaben, wie Vor allem die Hachscharah, alle Energien absorbieren. Die Generation vor uns aber hat im allgemeinen ihre besten Kräfte an deutsche oder europäische Probleme gewendet, ohne sich um die Judenfrage, die ihr ja nie zum innersten Erlebnis geworden war, viel zu kümmern; was hätten wir sonst von einem Gundolf oder Simmel für tiefe Aufschlüsse erwarten dürfen! Wir aber haben nicht nur den mächtigen Impuls zur Beschäftigung mit der Judenfrage empfangen, sondern leben in einem Lande und in einem historischen Moment, in denen alles, bis in die tiefsten Schichten hinab, in Bewegung geraten ist, und in denen sich dem erkennenden Blick wohl einzigartige Einsichten bieten. Tritt doch heute der Zusammenhang zwischen der Verschärfung der Judenfrage und der überall in der abendländischen Welt fortschreitenden Kulturkrise immer mehr hervor. Kaum irgendwo lassen sich mit auch nur annähernd gleicher Klarheit die Wirkungen der verschiedensten außen- und innenpolitischen, wirschaftlichen und kulturellen Faktoren auf die Judenfrage so erkennen, wie in Deutschland. Wenn uns oft die Schwere der Zeit wirtschaftlich und seelisch zu zerbrechen droht, so bietet sie andererseits dem« der ihr geistig gewachsen ist, einzigartige Möglichkeiten der Erkenntnis. Diese Möglichkeiten nach Kräften auszuschöpfen, sind wir aber durchaus nicht nur uns selbst schuldig, sondern mindestens in gleichem Maße der jüdischen Gesamtheit, die uns heute durch ihre Wohlfahrtshilfe materiell und moralisch so stark unterstützt, obwohl sie sich selbst vielfach gefährdet weiß und durch ihr Eintreten für uns die eigene Gefährdung (vor allem in Amerika) gewaltig erhöht.?Ö