Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 3 (April 1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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er war der konsequenteste Vertreter dieser Richtung; nicht nur im Judentum« sondern auch in der allgemeinen Geschichte der Philosophie. Es ist bekannt, welcher Kampf sich nach dem Tode des Maimonides im jüdischen Lager um diesen Rationalismus abspielte. Die philosophische Generation, die nach ihm kam, teilte sich in Maimonisten und Antimaimonisten, das hieß so viel wie Rationalisten! und Antirationalisten. Und wir, Kinder des 20. Jahrhunderts, wissen genau, wie einseitig diese rationalistische Lehre Maimonides gewesen ist, und wie sehr der Versuch, das Judentum allein von der hohen Warte der Ratio aus zu beurteilen, ein Fehlschlag war. Uns Heutigen ist z. B. die Lehre Halevis, von der „Mächtigkeit des Gefühls" („Schilton Haregesch") um vieles näher. Wobei man natürlich auch hier nicht in den Fehler verfallen darf, die Halevische Richtung für das Judentum zu nehmen. ... Das Judentum ist eben ein ungeheuer reicher Zusammen ström verschiedenster Komponenten und schließt in sich Das und Jenes, Hirn und Herz, Ratio und Gefühl, Tradition und Mystik, Aggada und Halachah. Daraus resultiert: Der Rationalismus als philosophisches Prinzip und als Wesensdefinition des) Judentums gehört nicht zu den ewigem Bestandteilen des Maimonidischen Werkes. Ja, vielleicht ist dies die vergänglichste Seite seines Werkes. Entstanden! und angeregt von der arabisch-aristotelischen Philosophie, ist sie zeitgebunden und zeitbedingt. Aber etwas anderes ist in diesem System ewig, spricht zu uns Heutigen, hat fast all unsere großen Geister geformt und wird Bestandteil jedes lebendigen Judentums werden: Die Mächtigkeit des Geistes, oder genauer: die Emanzipation des Geistes schlechthin. ... Ueberlegt man, daß Maimonides diese Herrschaft des Geistes in der Welt, die Befreiung des Geistes von jedem dogmatischen Zwang, ja die Proklamation seines Thronens in der Welt, in einer Zeit verkündet hat, in der der Geist verhaßt und der Glaube allein geliebt wurde, in einer Zeit, in der die Scholastik lehrte, man) müsse glauben, weil es absurd ist — vergegenwärtigt man sich all dies, so wird man zu einer richtigen) Beurteilung dieser grandiosen Idee kommen. Sie hat im Laufe der Geschichte Spinoza geformt, Krochmals historisch-kritisches Denksystem beeinflußt, Mendelssohns Welt mitbestimmt, ja noch Salomon Maimon bekennt, daß dieser „Schilton Hassechel" auf ihn den größten Eindruck gemacht hat. Hermann Cohen sagte einmal, daß das Wesen des Judentums seine Philosophie wäre. Dies hätte auch Maimonides sagen können. Für ihn war das Judentum die klassische Religion der reinen Philosophie. Auch von Maimonides zu Hermann Cohen führt ein gerader Weg. III. Man kann die Geschichte des Judentums vom Standpunkte der „Begegnung" mit anderen Völkern aus beurteilen. Gäbe es keine Begegnung zwischen Völkern, es gäbe auch keine Geschichte der Menschheit. Dies kann man mit noch größerem, Recht von der jüdischen Geschichte sagen, die kraft ihres Diasporacharakters eine Begegnungsgeschichte par exellence ist. Geschichtliche Begegnungen dieser Art können sehr verschieden ausfallen. Es kann vorkommen, daß eine solche Begegnung resultatlos verläuft, weil sich die Welten zu fremd sind oder weil der eine Partner es ablöhnt, diese Mischehe einzugehen. So war die Begegnung des Judentums mit dem Christentum im Mittelalter — resultatlos. So war die Begegnung des Judentums mit dem Griechentum in Palästina — erfolglos, weil der jüdische Partner es ablehnte, dieses Kompromiß einzugehen. Geschichtliche Begegnungen enden aber oft positiv, d. h. es entsteht ein Kompromiß oder eine Synthese zweier Kulturen und eine dritte synthetische Kultur wächst aus den beiden nun vereinten Welten. Die klassischsten 61