Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2827066-3186711-3186712--0977-3187000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tischen Formen geschaffen hat oder scharfen sollte, verheimlichen Sie leider. Aber gerade darauf kommt es doch an. Auch ich setze die Namen der drei heute existierenden politischen Formen nur ungern hierher. Nur weiß ich nicht, woher ich andere nehmen. soll. Und mir scheint, daß es in einer Diskussion nicht genügt, das heute so in Mißkredit geratene Wort „demokratischer Liberalismus" hinzusetzen, um den Gegner damit zu entwaffnen. Insbesondere dann nicht, wenn man wie Sie die ganz allgemeine politische Erscheinung der Demokratie und des Liberalismus, von denen bei mir immer nur die Rede ist, verblüffenderweise mit dem jüdischen Liberalismus in Deutschland verwechselt mit einer durch den allgemeinen Liberalismus wohl herbeigeführten, aber doch in ihrem Wesen ganz andersartigen Erscheinung. Der jüdische Liberalismus als Auflockerung des Gesetzes, als Verflüchtigung unseres jüdischen Daseins in abstrakte Ideen und als Assimilation — das war der Gegner, gegen den sich unser Nationalismus richtete. Aber nicht richtete er sich gegen den politischen Liberalismus der Zeit: er war im Gegenteil aus ihm entstanden und hat — wie schon erwähnt — alle seine Formen und seinen Geist vollständig übernommen. Gewiß, deswegen brauchten wir das in Palästina nicht unbedingt auch zu tun. Nur finde ich, daß Sie bei Ihrer radikalen Ablehnung dieses von mir doch nicht erfundenen, sondern bei uns bestehenden Systems schon etwas mehr hätten sagen sollen, als daß wir „neue Wege versuchen" müssen. Ein Hinweis wenigstens in die Richtung, in der wir zu suchen haben, wäre bei so scharfer Kritik nicht unangebracht gewesen. Ich meinerseits bin allerdings, weil ich infolge meiner Palästinafremdheit die „neuen Wege" nicht sehe und sie mir bisher auch noch niemand gezeigt hat, durchaus für die politische Form der liberalen Demokratie. Ich halte sie sogar angesichts der Freiwilligkeit, auf die wir bei all unseren Institutionen angewiesen sind, für das einzig mögliche System. Ich kann mir weder einen freiwilligen Kommunismus noch einen freiwilligen Faschismus vorstellen, und eine vierte Möglichkeit — wie gesagt — kenne ich nicht. Und ich muß auch die „nationalökonomische Naivität", die Ihrer Meinung nach in der Behauptung liegt, daß die wirtschaftliche Entwicklungsstufe Palästinas diesem politischen System durchaus entspricht, so lange aufrechterhalten, bis Sie, statt nur diese Naivität festzustellen, einen sachlichen Versuch gemacht haben, mich weniger naiv zu machen. Ebenso dürfte Ihr Lächeln über andere meiner Behauptungen für sich allein unzureichend sein. Wenn ich der Meinung Ausdruck gebe, daß unsere Arbeiterschaft umso radikaler werden muß, je radikaler sie von rechts bekämpft wird, und daß ein ihr freundlich gesinntes Bürgertum noch am ehesten die Möglichkeit hat, eine gemäßigte Richtung in ihr zu stützen, so. weiß ich und verstehe ich, daß es andere Meinungen darüber geben kann. Aber ich verstehe nicht, weshalb meiner Auffassung an Stelle eines Argumentes nur ein Lächeln entgegengesetzt werden kann. Immerhin, für Ihr eigenes Lächeln mögen Sie wenigstens einstehen können, aber wenn Sie auch die Arbeiterschaft über meine „von Unkenntnis der Verhältnisse zeugenden Plattheiten" lächeln lassen, so überschreiten Sie schon Ihre Befugnis. Die Männer der Arbeiterschaft jedenfalls, mit denen ich über die Bedeutung eines linksgerichteten Bürgertums auch für sie selber gesprochen habe — das waren maßgebende Menschen der Arbeiterschaft —, haben garnicht gelächelt. Ich habe Veranlassung zu dem Glauben, daß Sie in diesem Falle bedeutend palästinafremder sind als ich. Wenn es hier also Parteien gibt, wie in Europau audi, und wenn diese Parteien für die politische Gestaltung unseres Lebens bestimmend sind, dann werden wir wohl auch nicht umhin können, uns um diesen 49