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Der jüdische Wille · 1935-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1935) · page 48

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
3 (1935)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1935)
Date
1935-01-01
Page
– (sequence 48)
Language
German
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Es genügt doch nicht, daß Sie den ganzen Tatbestand dieser durchaus natürlichen Parteienwelt mit einer einzigen großartigen Handbewegung bei Seite fegen, indem Sie die Parteien für überholt, galuthgebunden und unwirklich erklären. Sie billigen ihnen nur eine Art gespensterhaften Daseins über einem im Grunde unpolitischen Jishuw zu. Das einzig Richtige an dieser Betrachtungsweise ist, daß die Parteien sich mit den Gegensätzen der Wirklichkeit in der Tat nicht immer decken. Aber auch das ist in allen Ländern so, selbst darin liegt kein palästinensiches Spezialproblem. Die heute nämlich überall mit größerem oder geringerem Nachdruck erhobene Forderung nach einer Vertretung der Berufsstände drückt u. a. gerade dies Bedürfnis nach einer konkreteren und wirklichkeitsnäheren Erfassung der Interessen aus. Und schließlich ist Ihre Behauptung von dem so unpolitisch gestimmten Jishuw, in den offenbar nur von einigen Wichtigtuern und Bösewichtern die Politik hineingetragen wird, ganz offensichtlich abwegig. Wo immer wir — und sei es noch so sehr an der Peripherie — mit den öffentlichen Dingen in Berührung kommen und dabei Stellung nehmen, treiben wir — ob bewußt oder unbewußt ( — schon Politik. Unpolitische Menschen gibt es nur im Sinne der Unkenntnis j und der Unbewußtheit. In Wirklichkeit aber ist jeder Mensch sowohl Ver- | treter eines Interesses wie Träger irgendeines Wunschbildes der nationalen ' und gesellschaftlichen Ordnung. Und wo Gelegenheit dazu vorhanden ist, reagiert er im Sinne dieses Interesses und dieses Wunschbildes. Diese Tatsache wird naturgemäß von derjenigen Schicht am wenigsten empfunden, bei der Interesse und Bild noch am meisten mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Sie hält sich deshalb für unpolitisch. Sie empfindet Forderungen von links oder rechts als störend und unbequem und ist deshalb geneigt, die „Politik" für diese Störung verantwortlich zu machen, als ob sie selber keine triebe. Das sind die unpolitischen Menschen, von denen Sie sprechen. Etwas ganz anderes ist das Hineintragen von Parteigesichtspunkten in rein sachliche Probleme. Das sind in der Tat bekämpfenswerte Auswüchse, aber selbst ihre restlose Beseitigung, sofern sie möglich wäre, würde doch noch nicht die Parteien und die natürlichen Gegensätze, auf denen sie tatsächlich beruhen, beseitigen. Ferner meinen Sie, daß „die Politik nur ein Teilausschnitt aus den Problemen Palästinas ist". Das kann man, wenn man sie durchaus bagatellisieren will, auch so ausdrücken. Richtiger wäre es, zu sagen, daß sie eine der wesentlichen Grundlagen unserer Existenz als Gesamtheit darstellt. Aber gleichviel: das KJV. war immer der Vorkämpfer eines nationalen Zieles, also einer im weitesten Sinne politischen Aufgabe. Und was könnte das KJV, — nicht die Einzelnen, sondern die Gesamtheit, die eines gemeinschaftlichen Gedankens bedarf — jetzt hier sein? Doch offenbar wieder nichts anderes als der Kämpfer für eine bestimmte Form der Verwirklichung des nationalen Gedankens, Unter diesen Umständen wird das KJV., wie mir scheint, um eine ziemlich nahe Berührung mit dem unwesentlichen Teilausschnitt der palästinensischen Probleme, der Politik heißt, nicht herumkommen. Sodann wenden Sie sich gegen meinen demokratischen Liberalismus, den Sie erstaunlicherweise für eine deutsche Erscheinung halten, Aber der demokratische Liberalismus hat gerade in Deutschland eigentlich nur von 1918 bis 1933 existiert. Er ist eine westeuropäische Erscheinung, die von dem modernen politischen Zionismus bei seinem Aufkommen als große Errungenschaft in Bausch und Bogen übernommen wurde, die noch heute unsere Organisation und ebenso unsere palästinensischen Institutionen bestimmt. Man mag ihn trotzdem (wie Sie) für verfehlt halten. Aber was man außer Kommunismus oder Faschismus an seine Stelle setzen könnte, was Palästina an neuen' poli- 48

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