Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Scherek: Ich kritisiere den Ton unserer Reden. Wir müssen sprechen aus einem Gefühl der Trauer, denn es sind ja nicht 75 xbeliebige ausgetreten, sondern gute alte Kämpfer. Diese Menschen sind ausgeschieden wegen der Atmosphäre, die drüben herrscht. Da ist für mich ein Grund, zu trauern und zu überlegen: Soll das so weiter gehenl oder müssen wir dagegen einschreiten? Egon Rosenberg hat versucht, eine Erklärung für ihr Ausscheiden zu geben. Ich glaube, er hat das Problem verkleinert, und zwar dadurch, daß er alles nur auf persönliche Streitigkeiten zurückführt. Man kann es nicht mit bloß Persönlichem erklären, wenn Menschen, die seit 30 Jahren in der Bewegung stehen, nun plötzlich einen Schnitt machen. Ich führe all dies zurück auf Unterschiede der menschlichen Grundhaltung. Die eine Partei, deren Exponent Blumenfeld ist, geht schon seit Jahren und Jahrzehnten davon aus, daß man der Sache am besten dient, wenn man sich absolut geschlossen und schlagkräftig dadurch macht, daß man alle divergierenden Elemente ausschließt. Ich erinnere Euch z. B. an das Fest, das anläßlich des 50. Geburtstages von Blumenfeld gegeben wurde und auf dem er dieses Prinzip ausdrücklich gelobt hat. Demgegenüber steht die andere Partei, die zwar auch den Primat des Zionismus anerkennt, daneben aber betont, daß die .rein menschlichen und bundesbrüderlichen Beziehungen gleichfalls einen Wert darstellen, der erhalten werden muß. Es ist hier davon die Rede gewesen, daß man nicht etwa in macchiavei* listischer Weise einen Plan ausgeheckt habe, um die Andersdenkenden herauszudrängen. So ist es allerdings nicht gewesen. Aber man hat eine Atmosphäre geschaffen, die dazu führte, daß Andersdenkende? sich zu einem freiwilligen Austritt gezwungen sahen, und hierin sehe ich eine Schuld. Ihr müßt dieses Argument gelten lassen, es ist nicht neu, es ist Euch aus dem Arlosoroff-Prozeß bekannt. Dort hieß es zuerst: die Revisionisten hätten Arlosoroff ermordet, und als sich diese Behauptung nicht beweisen und. aufrechterhalten ließ, da kam man mit dem Argument, sie hätten zumindest eine Atmosphäre geschaffen, aus der heraus dann der Mord ausgeführt wurde» Ich bin der Meinung, daß diese Haltung falsch ist und daß sie den alten guten Prinzipien des KJV. widerspricht. Das alte KJV. hat seine bestimmte Stellung zu der Austragung politischer Differenzen gehabt, und es hat vor allen Dingen eine seiner wichtigsten Aufgaben darin gesehen, die große Basis zu schaffen, innerhalb derer innerzionistische Kämpfe in anständiger Weise ausgetragen werden konnten, und wenn das jetzt anders gehandhabt wird, sci> geschieht ein Unrecht, das wir nicht gutheißen können. Juristisch ist die Frage nach der Gültigkeit der Revisionistenbeschlüsse einlach zu lösen. Sie ist zu verneinen. Aber ich fürchte einem Zerfall des Kartells und eine Verschärfung der Situation, wenn wir hier derartige Beschlüsse fassen und dem Kartell aufzuzwingen versuchen. Ich habe nicht den Mut, Derartiges anzuregen. Aber als Verwalter überkommenen Gutes sind wir doch verpflichtet, die Bundesbrüder von drüben darauf hinzuweisen, daß sie in einer überhitzten Atmosphäre und politisch überreizt gehandelt haben. Das sind nicht die ruhigen und unabhängigen Richter, deren; Spruch wir nun unter allen Umständen als bindend erachten. Wir sind berechtigt, ihnen zu sagen: Was Ihr tut, widerspricht der guten alten KJV.er Tradition. Geht freiwillig zurück zu dem, was Ihr verlassen habt! 35