Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Gewerkschaftspolitik? In Wahrheit handelt es sich darum, daß die Histadruth zur Sicherung ihrer Ziele, nämlich jüdischer Arbeit, guter Löhne und anständiger Arbeitsbedingungen grundsätzlich danach strebt, alle Arbeiter, also Linke, Misrachisten, Rechte in einer überparteilichen Gewerkschaftsorganisation zu vereinigen. Solange dies nicht möglich ist, erstrebt sie die Sicherung einer einheitlichen Gewerkschaftspolitik aller Arbeitergruppen durch n Abschluß besonderer Abkommen, wie sie z. B. zwischen Histadruth und Hapoel Hamisrachi bestehen. Die Histadruth kämpft, wie übrigens die Arbeiter der ganzen Welt, gegen die Anarchie auf dem Arbeitsmarkt, deren notwenige Schlußkonsequenz im palästinensischen Spezialfall das Ueberhandnehmen billiger und am Ende arabischer Arbeit ist. Die Histacfe-uth erstrebt Arbeitszuteilung, vor allem * an ungelernte Arbeiter unter gleichmäßiger Berücksichtung gewisser objektiver Kriterien — mit Ausschluß der Parteizugehörigkeit — wie Reihenfolge in der Anmeldung. Dauer des Aufenthalts im Lande, Familienverhältnisse usw. Es ist nicht wahr, daß ein Nichtmitglied der Histadruth durch Vermittlung der Arbeitsämter der Histadruth keine Arbeit erhält. Die Histadruth wehrt sich allerdings, wo sie kann, dagegen, daß jemand vom Arbeitgeber nur deswegen Arbeit erhält, weil er nicht der Histadruth angehört, und es muß naturgemäß zu Konflikten mit Kablanim kommen, wenn sie etwa Arbeiter deswegen bevorzugen, weil sie Revisionisten sind. Mit einem Wort: die Histadruth verlangt „organisierte Arbeit" und Arbeitsverteilung nach Ordnungsprinzipien. Ist das so schrecklich? So unerhört? So noch nie dagewesen? Spricht man auch dann von Terror, wenn wie es in vielen Fällen geschieht, die Arbeitgeber dieser Forderung zustimmen? Interessant: der nichtorganisierte Arbeiter wird auch dann „terrorisiert", wenn Arbeitgeber und organisierte Arbeiterschaft einig sind. Aber dann scheint unseren Rechtsreaktionären alles in Ordnung zu sein. Sie sollen dann wenigstens zugeben, daß das Los des Arbeiters ihnen gleichgültig ist, und daß sie nicht den Arbeiter, sondern den Arbeitgeber vor dem „Terror" schützen wollen« Wie glücklich sie sich in Amerika fühlen müßten, wo eben infolge der Zustimmung der Arbeitgeber zum Prinzip der organisierten Arbeit in allen wichtigen Wirtschaftszweigen, die Reaktionäre der Notwendigkeit enthoben sind, sich über „Terror" entrüsten zu müssen. Freilich, hier sind wir noch nicht so weit. Und so gibt es allerhand Grund zur Entrüstung. Hier, wo ein vielfach_bej.onders rüokständigesr Unternehmertum mit einer gewerkschaftlich besonders fortschrittlichen Arbeiterschaft zusammentrifft, gibt es Stoff zu Konflikten, nicht bloß wegen organisierter Arbeit, sondern auch aus anderen Gründen. Und wenn dann in einem Streik Revisionisten als Streikbrecher auftreten, weil ihr Heiland geboten hat, die „Histadruth zu brechen", kommt es allerdings gelegentlich zu Uebergriffen der Linken. Daß sie so selten erfolgten, trotz jahrelang geübter Provokation durch die Revisionisten im zionistischen Leben und in der Wirtschaft Palästinas, ist ein Beveis für die Zucht und Schulung der palästinensischen Arbeiterschaft. Es ist nur natürlich, daß es heute bei den Arbeitern Elemente gibt, die Gewalt gegen Gewalt setzen wollen und daß die Führung Mühe hat, manchen ihrer Anhänger im Zaum zu halten. Aber die Führung hat die Zügel in der Hand. So liegen die Dinge in Wahrheit. Die Rechtfertigung der Rechten durch Missetaten der Linken verfängt also nicht. Ebensowenig dient es zur Entlastung der Angeschuldigten, daß man, wie ich selbst oft getan habe, ihre Haltung weltanschaulich erklärt. Diese Erklärung, die ihnen jedenfalls mehr Ehre antut, als Lichtheims Definition, der 155