Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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mächte, ihre Sympathie gegenüber der zionistischen Bestrebungen auszudrücken; es stand nunmehr mit Sicherheit zu erwarten, daß der Friedensschluß auch für das jüdische Volk die allerseits proklamierte Selbstbestimmung bringen würde; wenn die Befreiung der kleineren Nationen erfolgte, konnte auch den Juden ihr Recht nicht mehr verwehrt werden. Das Palästina-Werk der zionistisehen Organisation wurde politisch anerkannt, eine allgemeine, politische Lösung der Judenfrage, wie einst Herzl sie erträumt hatte, rückte in den Bereich ernsthafter Möglichkeiten. Der Zionismus, lange von der Mehrheit der Juden als Utopie verlacht, von seinen eigenen Anhängern vorwiegend als Bekenntnis im Moralischen und Geistigen aufgefaßt, wurde eine politische Realität, mußte Einfluß auch auf das Leben seiner Bekenner gewinnen. Ein Ereignis von wahrhaft revolutionärer Bedeutung, in den möglichen Ausmaßen seiner Wirkung 1917 noch gar nicht abzuschätzen. So kam es, daß noch während des Krieges die künftigen Veränderungen langsam sich andeuteten; 1918 begann im größeren Umfange die Diskussion darüber, wie nach erfolgtem Friedensschluß das Kartell sich gestalten müsse. Denn immer weiter rückte — darüber mußte man sich im klaren sein — die Vorkriegszeit zurück; immer weniger schien es möglich, dort anzuknüpfen, wo 1914 unter dem Zwang der Verhältnisse der Faden gerissen war* Neben dem K.J.V. war eine nationaljüdische Jugendbewegung groß geworden, besonders verkörpert durch den Blau-Weiß, die zu den Dingen, die vor 1914 gewesen waren, gar kein Verhältnis mehr besaß. Viel weniger durch intellektuelle Diskussionen, politische Theorien, logische Deduktionen war diese Jugend zum Zionismus gekommen, sondern viel einfacher, selbstverständlicher, lebensmäßiger — wie sie es jedenfalls selbst über sich aussagte. Auf Fahrten und Heimabenden hatten die Blau-Weißen das Judentum erlebt, sie bejahten es, so wie sie ihre eigene jugendliche Gemeinschaft bejahten, die eben ipso facto eine jüdische Gemeinschaft war! Und nun sollten die Juden Palästina besiedeln dürfen? Was tat anderes not als unmittelbare, direkte und praktische Vorbereitung auf die baldige Uebersiedlung, durch Berufsumschichtung in Landwirtschaft oder Handwerk! Was sollte man jetzt noch wissenschaftliche Systeme über die Judenfrage ausdenken, wo doch binnen kurzem die endgültige Lösung in der Wirklicheit zu erwarten stand! Wozu sollte man sich noch um die Galuth kümmern, die doch jüdisch nichts Wertvolles mehr darstellte, und wo der Aufbau Palästinas die einzige und alles bestimmende Aufgabe der Stunde war! Chaluziuth war das einzige Ideal, das jüdische Jugend jetzt noch anerkennen konnte und durfte. Nichts war selbstverständlicher, als daß diese Gedanken und Empfindungen der Jugend des K.J.V. sich mitteilten, daß diese auch von sich aus zu Aehnlichem kamen. Der ganze ehemalige Korporationsbetrieb mit Wichs und akademischer Repräsentation, mit Fechten und unbedingter Genugtuung, konnte er noch gerechtfertigt werden zu einer Zeit, da der jüdischen Jugend so ganz andere, so viel höhere Aufgaben sich darboten? Sollte, durfte, konnte man die alte Form der Geselligkeit im geschlossenen Räume, die Kneipe, weiterhin bestehen lassen? Waren nicht Sport, Rudern, Wandern viel gemäßere Veranstaltungen, gleichfalls geeignet, gemeinschaftsbildend zu wirken? Sollte man weiterhin, wie wenn nichts geschehen wäre, sein Studium wieder aufnehmen und einem elenden Philisterium in Deutschland zusteuern, oder war es nicht zionistische Pflicht eines jeden jungen K.J.V.ers, sich einer landwirtschaftlichen oder handwerklichen Tätigkeit zuzuwenden und am Aufbau des Landes mitzuwirken? Oder, selbst wenn man denn weiterstudierte, konnte etwas anderes am Ziele stehen als ebenfallst die Uebersiedlung, als Arzt, Lehrer 119