Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Wyneken hatte man immer mehr den Juden den Zutritt verwehrt. So gründeten zionistische Studenten aus B.J.C. und K.Z.V. einen eigenen Bund, der die Lebensform der Jugendbewegung aufnahm, aber jüdische Ziele stellte2). Noch war er in seinen ersten Anfängen, weit entfernt davon, das K.J.V. seinerseits rückwirkend zu beeinflussen. Aber es hätte vielleicht nur weniger Semester noch bedurft. Da kam, wenige Wochen nach der Gründung des neuen großen Kartells, ohne daß schon ein neues bundesbrüderliches Gefühl wirklich allen sich hätte mitteilen können, der Krieg. Die große Mehrheit der Aktiven wie der Alten Herren trat in den Heeresdienst und kam ins Feld; die Verbindungen verschwanden anfänglich fast völlig; die sie hätten besetzen können, standen draußen. Erst sehr allmählich konnte hier und da mit Hilfe von Bundesbrüdern, die nur garnisondienstfähig waren, notdürftig und mit schwachen Kräften, oft nur für kürzere Zeit, ein Verbindungsbetrieb durchgeführt werden. Um so inniger allerdings gestalteten sich die bundesbrüderlichen Beziehungen im Felde; hier verschwanden die alten B.J.C- und K.Z.V.-Partikularismen sofort, und die K.J.V.er-Zusammenkünfte hinter der Front, zu den jüdischen Feiertagen, und wann der Zufall und die Gelegenheit sie sonst ermöglichte, bildeten für alle K.J.V.er Lichtpunkte in ihrem Leben. Stundenlang marschierten sie, um zu solchen Treffen zu gelangen; aus vielen Feldpostbriefen, die im J.St. und im „Jüdischen Willen" veröffentlicht sind, tritt die Stimmung; jener Jahre deutlicher hervor, als jede Geschichtsschreibung sie darzustellen vermöchte. Dazu riß der Tod vor dem Feinde schmerzliche Lücken; Erich Rosenkranz ,der Präside, Udo Moses, der Gründer der Königsberger Verbindung, Arthur Pelz, ihr geistiger Führer und viele, viele andere; ganze Generationen, wie aus der Berliner Maccabaea, kehrten nicht wieder: über 100 Bundesbrüder hat das Kartell verloren. Und doch brachte der Krieg dem K.J.V. auch Gutes. Denn er eröffnete ihm eine Welt, von der man bis dahin fast nur etwas geahnt, kaum Bestimmtes gewußt, in den seltensten Fällen etwas mit eigenen Augen gesehen hatte: die Welt des Ostjudentums. Die K.J.V.er, deutsche, assimilierte, bürgerliche Juden, sahen jetzt ein Judentum, ganz jüdisch, fast ganz eigenständig, zu großen Teilen proletarisch; sie bemühten sich um seine Erkenntnis; und viele, Jüngere, aber auch Aeltere, wurden jetzt erst voll und ganz Zionisten. Man kann sich die Kluft, die damals zwischen den Bundesbrüdern, die nach Polen, nach Litauen, nach Kurland, Wolhynien, in die Ukraine doch als deutsche Soldaten kamen, und den Ostjuden bestand, kaum groß genug vorstellen; um so größer war die Ueberraschung, die Freude, die innere Rührung, wenn sie trotzdem, als Soldaten einer Invasionsarmee, in den Häusern der Ostjuden freundliche Aufnahme fanden. Um so eifriger wurde nun ihr Streben, das Alte, das sie jetzt ganz tief als unjüdisch empfanden, von sich abzutun. Nicht selten hat man damals auch unleugbare Schwächen des Ostjudentums idealisiert oder minder schwerwiegend bewertet, als es vielleicht richtig gewesen wäre. Aber gerade das beweist, wie echt und bedingungslos die Hingabe an das Neuerkannte war. Die östliche Zionsliebe berührte tief die westlich-politisch geschulten Zionisten; das ostjüdische Erlebnis der Kriegszeit bedeutete in der Tat die Entdeckung des jüdischen Volkes als eines lebendigen, wirklichen Organismus. Und nun vor allem anderen: im November 1917 erließ England die B a 1 - four-Deklaration. Ebenso beeilten sich die Regierungen der Zentral- 2) Vgl. Siegfried Kanowitz, Zionistische Jugendbewegung, Berlin 1925. 118