Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Dienst an der Organisation war Dienst an unserem Volk. Daß unsere Bundes«1 brüder durch gewonnene Erkenntnisse zu einer eigenen Meinungsbildung gelangten, schien uns die wesentlichste Forderung zu sein. Wir suchten die Auseinandersetzung mit den jeweils aktuellen Tagesproblemen, und jede Meinung hatte in unseren Reihen Platz und konnte damit rechnen, gehört zu werden. Insofern waren wir überparteilich und lehnten eine klischeehafte Meinungsbildung oder Schlagwortparolen ab. Wir waren aber nicht überparteilich in der Frage unseres Verhältnisses zur Zionistischen Organisation. Wir legten stets Wert darauf, in einem Kartell zu sein, das auf keine bestimmte Parteidoktrin eingeschworen war. Aber in der Frage der Anerkennung der Organisation waren wir doktrinär. Sie war uns heilig, und ihr galt unsere ganze Arbeit. Als politisch erzogene Menschen wußten wir den Wert einer starken Organisation nicht nur in ihrer Stellung nach außen (Mandatarmacht), sondern in ihrer Auseinandersetzung mit unseren innerjüdischen Gegnern richtig einzuschätzen. Sie war uns, mit ihren Vorzügen und ihren Nachteilen, der antizipierte Judenstaat. Sahen wir Fehler, so durften wir uns erlauben, sie zu kritisieren. Daß die Kritik in einer Form stattfand, die vereinbar war mit unserer Auffassung von zionistischer Verantwortlichkeit, war selbstverständlich. Und zu dieser Kritik waren wir solange in dieser nüancierten Form berechtigt, als wir ein aktiv arbeitendes Kartell waren, d h. solange man feststellen konnte, daß in unserem Kartell eine Gruppe von Menschen zusammengeschlossen war, die teils aus ihrer täglichen zionistischen Arbeit, teils aus ihrer Interessiertheit an den allgemeinen Fragen zwangsläufig Veranlassung zur Klärung der verschiedenen Probleme nehmen mußte. Hatte der eine die Fähigkeit, öffentlich zu wirken, so spürte man bei dem anderen an «einer Orientheit, wie eng er mit dem Zionismus verknüpft war. Inzwischen ist ein unsere Struktur entscheidend beeinflussendes Jahr vergangen. Unsere Reihen haben sich in Deutschland gelichtet, und in Palästina ist man nunmehr zur Organisierung eines Landesverbandes geschritten. Für eine verkleinerte Zahl von „Arbeitern" in der Gola ergaben sich erhöhte Aufgaben. Mehr denn je bleibt daher die Forderung des Dienstes an der Organisation bestehen. So selbstverständlich dies auch zu klingen scheint, so muß doch ausgesprochen werden, daß das Kartell dieser Forderung heute in weitaus höherem Maße als bisher nachkommen muß, wenn es seine Existenzberechtigung nicht verlieren will. Bei aller noch auszusprechender Kritik soll doch festgestellt werden, daß von einer ganzen Anzahl von Bundesbrüdern heute bereits eine verantwortliche Arbeit in der Bewegung, sei es in den Jugendbünden oder in der Organisation geleistet wird. Ein größerer Teil unseres Kartells verhält sich jedoch noch passiv. Dies vielleicht weniger aus mangelndem Arbeitswillen als deshalb, weil die zuständigen Instanzen nicht genügend Arbeitsmöglichkeiten aufzeigen. Von dem Zustand eines bundesbrüderlichen Verbundenseins durch gemeinsame Arbeit sind wir noch weit entfernt. Doch hier bin ich optimistisch. Ich glaube, daß es heute noch möglich ist, bei vielen etwas von ihrer früheren Begeisterung und Aktivität wieder zu erzeugen, wenn die in Frage kommenden Gremien die Fähigkeit haben, die schlummernden Kräfte wieder zur Arbeit zu erwecken. Nicht abfinden, glaube ich, können wir uns aber mit den Menschen, die Kritik an der Organisation z. B. zum Vorwand für ihre Uninteressiertheit oder für die Vernachlässigung primitivster zionistischer Pflichten nehmen oder aktiv die zionistische Organisation bekämpfen (Sabotage der Fonds, Petitionsbewegung). — Unser Kartell war auch früher kein einheitliches Gebilde, und es lebte am stärksten, wenn die Auseinandersetzungen am heftigsten waren. 81