Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 2. Jahr (1914)
- Issue
- Heft 2-3 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 72 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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Ausdruck der Gesinnung anwenden. Ich glaube, Vincent hat dies völlig übersehen. Hans* Lüge, er kenne den Namen des Mädchens nicht, ist die ehrlichste Erklärung unter allen. Doch Vincent merkt dies nicht. Er versteht unter Ehrlichsein nur, nicht positiv Falsches sagen. Das nenne ich: „Reporterehrlich* keit". Alles stimmt aufs Haar; äußerlich. Wenn die Jungen ehrlich wären, wie ich es verstehe, veiv liefen Vincents Zwiesprachen folgendermaßen: I. Else, wo gehst du hin? — Das will ich glicht sage(n> Mutter. — Warum nicht? — Diese Frage ist taktlos! — (Du bist unverschämt! — Keineswegs. Ich bin ehrlich. II. Wer mir vorausgesagt hätte, daß gerade meine Kinder so werden würden, — Hätte dich besser gekannt, als du dich selber! — Du hältst den Mund. Die Augen aus dem Kopfe könnte man sich schämen, wegen solcher Qör! — Deine eigene Unklugheit. ... III. Hans, du gehst auf die Post. — Es geht nicht. — Alles geht, man muß nur wollen. — Ich will nicht. — Was? Du hast nichts zu wollen. — Ich dachte, es gäbe keine Sklaven mehr! — Ruhig. Du gehst. Verstanden?! — Kulturmensch, ha, ha! . . . Ich geh' . . . IV. Schreibt ihr euch noch? — Qlaubst du, das sage ich dir, nachdem du mein Vertrauen gebrochen hast? V. Dieser Franz, dein sogenannter Freund, — Kannst ruhig sagen, dieser Schuft, ich versteh' dich doch. VI. Gregor: Du meinst, meine Ehrlichkeit sei verwerflich, weil sie identisch ist mit der Frechheit, die man uns lallenthalben vorwirft. Bedenke doch, diese Frechheit ist ja der direkte Gegensatz zur wirklichen, d. h. feigen Frechheit. Die uns vorgeworfene ist meist die einzige ehrliche Art und Weise, mit der wir Jungen dem Alter gegenübertreten können, darum auch die von ihm am heftigsten bekämpfte. Hans: Und mit Recht bekämpfte, denn sie ist roh und häßlich. Gregor: Es ist auch roh und häßlich, wenn du einen Pestkranken von dir stößt, und dennoch ehrlich und gerecht, sobald er dich nicht in Frieden läßt. Den Selbsterhaltungstrieb kannst du nicht verdammen. Sind unsre Eltern so unheilbar 72