Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 2. Jahr (1914)
- Issue
- Heft 2-3 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 65 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Jcümmert, gestorben war. Unerwartet blitzt bisweilen im Menschen ein helles, leuchtendes Gefühl, ein klopfendes, mahnendes Drängen, ein unverstandliches, weiches Sehnen, wir aber werden getragen von diesem Zusammenklang der Empfindungen, die uns zu mahnen scheinen, nach Innen zu lauschen, und wir wissen nicht wohin . . . Wir erschauern . . . dann stirbt langsam der Schein, und wir fühlen uns unerwartet leer, schal. Es hat den Anschein, als sei unser Innenleben ein gewaltiges, rauschendes Meer von unergründlich tiefen Wassern. Jahrelang wird uns die Oberfläche leicht gefurcht, bis plötzlich das Meer bis in seine tiefsten Tiefen erzittert und gewaltige Wellen an die Oberfläche wirft. Dann scheinen diese Wellen und Wogen uns sich ins Bewußtsein zu drängen . . . dann erwacht die schlafende Seele und breitet sehnsüchtig die Arme . . . der Mensch aber lebt dumpf weiter ... bis zitternd die Hände schlaff zurückfallen. Und wie selten heiß hat die Seele in der Jugend lockend die Arme erhoben, und — wer mag es einen Zufall nennen? — die Jugend irrte um das Grab ihres Gottes, suchte brünstig das verlorene Idol, und sie fand es, fand die Liebe, fand die Seele in der bittersten Not. Es war zur Wahrheit geworden, die unglücklichsten, unbeachtetsten Geschöpfe hatten einen Schimmer der Seele gefunden, die sich zage und zart aus dem Dunkeln löste und dem verwirrten Menschen unhörbar leise nie gehörte Dinge erzählte. Wer wagt noch das Wandern einen Zufall zu nennen, das die Jugend die Natur verstehen lehrte, das ihr die geheimnisvollsten Runen der Natur offenbarte, ihr das Schweigen schenkte, das sie in sich selbst führte, zur Seele leitete . . .? Was war geschehen? Dies wußten die Menschen selbst nicht, für dies konnten sie nie Worte finden. Doch sie hatten Gewaltiges erlebt, ßie hatten ihren Gott auf fernen Höhen winken sehen. In diesem geheimnisvollen Erleben der Nacht, in diesem verinnerlichten Suchen und Finden lag das Unbegreifliche des W.-V., und auch alle dunkeln Ideale, alle nebelhaften Ziele des W.-V. wurden von dieser Entdeckung getragen. Doch was bedeuten alle äußerlichen Ziele, die Abstinenz, die Kleiderreform und alles andere dem Geheimnisvollen gegenüber, das sich unbewußt in uns regte? 65