Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 2. Jahr (1914)
- Issue
- Heft 2-3 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 64 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn der Abend kam und ^lie Sonne blutigrot die Ietztea brechenden Strahlen auf die eilenden Wolken gespiegelt hatte, wenn die flackernden Sterne ihr bleiches Licht zuckend der Erde zuwarfen, dann saßen die wetterharten Gestalten auf weiter Halde und von der Laute rauschten klagende Melodien, und junge, suchende, gequälte Menschen sangen die innigen, zerfließenden Mären von dem goldenen Haus, das einsam auf dem Beige steht. Und wenn das Lied verklungen war und es der wehende Äbendwind ins dunkle Tal getragen hatte, dann lag tiefes, geheimnisvolles Schweigen über den Gestalten, dann zog ahnend in die Seelen dieser zerrisser^n Menschen ein leises Dämmern von dem Mysterium des gewaltigen, seelenvollen Schweigens. Die Lippen schliefen, und etwas anderes, ein Geheimnisvolles regte sich, preßte mit dunkler Gewalt jedes Wort zurück, daß der zarte, duftige Schleier, der sich um die Gestalten gebreitet hatte, nicht zerrissen werde. Was war es? Unbegreiflich, unfaßlich; Menschen hatten gewagt, zu schweigen. Man kennt es nicht mehr, dieses tätige, seelenvolle Schweigen — weil man es fürchtet. In jenen Minuten, und wenn es nur Minuten waren, lag das jählinge Erwachen der Wahrheit, lag noch weit mehr, noch Rätselhaftes,.Ahnungsvolles ... Im Zauber jener Minuten fanden die Menschen ihre innere Zerrissenheit, ihr qualvolles, flüchtendes Sein, sie sanken in sich selbst, suchten in sich und — sie griffen ins Wesenlose. Doch Ungeheures lag in diesen Minuten, nie Dagewesenes . . . Wer hat je diese Abende verstanden? Wer ahnte die ergreifende Wehmut, dies weltverlorene Ahnen, lockende, fernblaue Sehnsucht in der sinkenden Nacht, in den träumenden, schlafenden Wäldern. Wer hat je den weichen Zusammenklang gefühlt, der zwischen Natur und Mensch lag? Der hätte nie der Menschen gespottet, die ihre tiefe Unrast der dunkeln, heiligen Nacht gestanden haben, die ihr ganzes, gequältes Innere der Natur weinend vom Herzen sangen. Diese weltenfernen Stunden waren das Rauschen kommender Zeiten, denn in ihnen lag der unsagbare Reiz des Wiederfindens der Menschenseele, die in der nüchternen, lärmenden Stadt ver- 64