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Der Anfang · 1914-05-01 · Heft 1 (Mai 1914) · p. Seite 30

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Journal
Der Anfang
Volume
2. Jahr (1914)
Issue
Heft 1 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 30 (sequence 30)
Language
German
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Seele ferner mit den höheren idealen Werten aus dem Gebiete der Geschichte, der Kunst . . Eine „phantasiereine" Bearbeitung von Bürgers Leonore hat uns der „Anfang" schon demonstriert. Es ist ja sehr bequem, die Jugend einzuführen „in die hehren Hallen Jahrtausende umfassender Wissenschaft und vorbildlicher Kultur", wie es im Vortrag heißt, wenn man diese Kultur zuerst mal vorbildlich gemacht hat vom Standpunkt der Oberlehrerweltanschauung, unter Berücksichtigung der Dienstvorschriften für preußische Oberlehrer. (Um 30 Pfennig in jeder Buchhandlung zu haben.) Also die erhabensten „Produkte" der Dichter, Maler, Bildhauer und Musiker als geistige Präservative. Zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten. Mit dieser überraschenden Perspektive, die den vorangegangenen jahrelangen Schulbetrieb in einem ganz neuen Lichte zeigt, entläßt die Schule ihre Jugend. Etwas wie eine phantasiereine Leonore scheint auch dem Redner vorgeschwebt zu haben, denn in unmittelbarer Verbindung mit den „höheren idealen" Werten der Kunst spricht er von einer „Hygiene der Phantasie", die man geistigen Genüssen gegenüber beobachten müsse. Wenn derartige Ansichten so offenherzig vorgetragen werden, liegt da der Gedanke nicht nahe, daß vielleicht der ganze Schulbetrieb von einer kastrierten Wissenschaft, von einer kastrierten Weltanschauung beherrscht ist, und daß des Lebens Fülle „lehrplanmäßig" sozusagen der Jugend vorenthalten wird? — — Aber — — lassen wir einmal solche Schlüsse und begnügen wir uns festzustellen: Mit diesem gedruckten Abiturientenvortrag liegt ein unwiderlegliches Dokument vor, welches zeigt, wie die Schule eine brennende Frage unserer Zeit, ein Problem, mit dessen Lösung eine neue Entwicklungsstufe der Menschheit verknüpft ist, von einem Standpunkt aus behandelt, dessen Kümmerlichkeit nicht mit Worten zu kennzeichnen ist. Und das tut die Schule vor Menschen, die sie neun lange Jahre in ihren Klauen hatte, mit dem Anspruch, der jungen Generation das zu geben, was sie braucht für die Arbeit am Geist. Sie entläßt ihre Jugend mit dem Eingeständnis, daß es ihr nicht gelungen ist, jene reif zu machen für den Dienst am Geiste, in Freiheit. 30

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