Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 2. Jahr (1914)
- Issue
- Heft 1 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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bekanntlich jede Merkwürdigkeit ihres Lehrplans mit der Bemerkung, der Schüler solle eine „allgemeine Bildung" erhalten. Darunter rechnet sie, wie ja nur selbstvertändlich, auch Kunstbildung und widmet — angeblich wenigstens — den bildenden Künsten einen Kunstgeschichtsunterricht außerhalb der praktischen Unterweisung im Zeichnen, der deutschen und fremdsprachlichen Dichtung, Schriftstellerei und Redekunst, Literaturstunden zu lediglich theoretisch bildendem Zwecke. Nur für Musik gibt es bloß einen praktischen Unterricht, die Gesangstunde. Singen kann man dort natürlich nicht lernen, aber auch theoretisch bildend wirkt der Gesangunterricht nicht auf die Schüler. Sie lernen notdürftig Noten lesen und hören allenfalls, daß es eine Tonleiter, Intervalle und einen Dur- und Mollakkord gibt Das ist aber in der Regel auch alles, und damit erwirbt man doch keinen musikalischen „geistigen Besitz". Was hat denn der Tertianer davon, daß er im Chor immer wieder seinen Part im Zauberflötenterzett („Bald naht, den Morgen zu verkünden") heruntersingt? Das Terzett in der Gesamtwirkung hört er kaum, weil er nur auf seine Noten zu achten hat. Er kennt diese schließlich, auch die Intervallgrößen, die absolute Tonhöhe schon nicht .mehr, und alles übrige? Was weiß er von der Linienführung der ü^lelodie? Was von der Gegensätzlichkeit des punktierten Rhythmus in einer Verszeile zu den gleichmäßig ruhigen Achteln der nächsten? Von dem leichten und doch so belebenden, zugleich formgebenden Ausweichen nach der Rechts-(Dominant-)tonart? Was weiß er überhaupt von Mittel-, Rechts- und Linksklängen (Tonika, Dominant, Subdominant) und ihren musikalischen Kräften? Erfährt er denn, daß es musikalische Kräfte und Gesetze gibt? Muß er nicht den Eindruck haben, musikalische Komposition sei ein Akt reinster, Willkür? Warum aber zählt man sie zu den Künsten? Und wie kommt Schiller zu der Epigrammzeile: „ . . . aber die Seele spricht nur Polyhymnia aus"? Alle diese Fragen läßt die Schule unbeantwortet. Resultat des musikalischen Unterrichts: Mechanisch-gedächtnismäßige Kenntnis einer „zweiten Stimme" zu einigen Liedern und ein halbes Dutzend Namen ohne Begriffsinhalt und -begründung. Das ist die Sorge der Schule für die „allgemeine Bildung". Was die Schule sündigt, macht die häusliche Erziehung 16