Der Anfang
- Journal
- Der Anfang
- Volume
- 2. Jahr (1914)
- Issue
- Heft 1 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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„gebildeter" Mensch meiden müßte, — und liebt sie doch von Herzen. Es ist das geradezu ein Kulturparadox, und man könnte darüber lachen, wenn nicht die Gründe wie die Folgen dieser Erscheinung zu ernst wären. Es gibt nämlich nur zwei Gründe dafür: geistige Faulheit und Unwissenheit! Beides aber hängt wiederum zusammen. Wertvolle Musik fordert vom Hörer ein Erfassen der Werte, um wirken zu können, und dazu gehört ein spezifisches Wissen oder, wo dies mangelt, eine um so größere geistige Anspannung; die banalen Wirkungen der Schundliteratur benötigen aber keiner Geistestätigkeit des Hörers — das ist alles. Die Folge? Die Menschen sehen, es gibt auch Wirkungen ohne Aktivität des Hörers, und Faulheit und Unwissenheit werden bestärkt Die Folge davon aber ist, daß unserem „gebildeten Publikum" heute fast jede Urteilsfähigkeit abgeht. Anzeichen hierfür machen sich teils in Übertreibung der Bescheidenheit, teils umgekehrt in überscharfer Betonung der subjektiven Urteilsfreiheit bemerkbar. Die falsche Bescheidenheit äußert sich in dem Aufgeben jeder eigenen Meinung über den Wert oder Unwert musikalischer Erzeugnisse. „Ich verstehe nichts von Musik," sagen sie einfach und wissen nicht, was für eine Riesenlücke in ihrer „allgemeinen Bildung" sie damit eingestehen. Oder aber, man ist arrogant, und wena dann jemand geistiges Erfassen der Musik statt trägen Über-sich-ergehen-lassens fordert, so heißt es stolz: „Musik kann man nur gefühlsmäßig verstehen." Ich kann es mir nicht versagen, ein persönliches Erlebnis hierherzusetzen, das für die Verschleierung der Unbildung durch Betonung der persönlichen Freiheit bezeichnend ist. Im vorletzten Winter wurde Bruckners V. Sinfonie (B-dur) zum ersten Male hier aufgeführt. Als ich kurz darauf einmal davon sprechen hörte, bemerkte ich, daß einige Leute im Konzert ihre Verständnislosigkeit durch Zischen in taktloser Weise dokumentiert hätten. Darauf erwiderte mir eine junge Dame, es müsse jedem überlassen bleiben, sein persönliches Urteil zu fällen und kundzugeben. Darauf ich: „Was würden Sie sagen, wenn nach einer Beethoven sehen Sinfonie gezischt würde?" „Dasselbe." (!) „Und nach dem ,Tasso'?" Da blieb sie die Antwort schuldig. So dürftig diese Ausführungen auch sind, so ist doch wohl damit bereits der Nachweis erbracht, daß von einem allgemeinen musikalischen Kulturbesitz unserer Zeit nicht gesprochen werden 14